Düstere Vorzeichen eines Films

Wir sind schon seit Monaten gewarnt. Gewarnt davor, dass es im April eine Katastrophe für uns Autisten geben könnte. In Form eines Filmes, der eine autistische Figur als Hauptfigur hat. Wir haben gehofft und gebangt, dass es schon nicht so schlimm werden würde. Vielleicht schafft man es ja auch, den Autismus ordentlich umzusetzen? Niemand von uns wollte den Film im Voraus wirklich verteufeln. Doch wenn es mehr Klischee- und Fehldarstellungen in Filmen gibt als realistische, fiktive autistische Figuren, ist eine gewisse Vorsicht doch eigentlich nur verständlich.

Wovon ich rede? Vom morgigen Sonntagabendfilm des ZDFs, Ella Schön. Für den die Werbetrommeln mittlerweile voll angelaufen sind. Und leider bestätigen und diese Trommeln mich und andere immer mehr in unseren Befürchtungen.

So kam es auch auf Twitter vor einigen Tagen zu folgender Unterhaltung zwischen Querdenker und der Produktionsfirma von Ella Schön.

Man bemerke, dass man sich nicht weniger als 2 Monate Zeit gelassen hat, um einen autistischen Aktivisten als Idioten zu bezeichnen, weil er offensichtliche Fehler und Klischees anspricht. Sei es die Formulierung „leidet am Asperger-Syndrom“ (die einfach nur unpassend ist!), oder der Titel der Pilotfolge, der ein Merkmal des Savant-Syndroms kennt. Mit Autismus hat das nichts zu tun, auch wenn die Verknüpfung in den Köpfen vieler Menschen noch da ist.

Doch damit nicht genug

Jetzt liegt also Querdenker falsch, dass Inselbegabungen nichts mit Autismus zu tun haben? Oh bitte. Aber dieser Tweet zeigt schon zwei Dinge; Man ist seitens der Produktionsfirma vollkommen vom eigenem Tun überzeugt und ist nicht gewillt, Autisten zuzuhören. Auf eine Einladung von Querdenker, eine Veranstaltung zum Thema Autismus zu besuchen, wo er den Eintritt zahlt, wurde ignoriert.

Was sich nur zu dem Zeitpunkt schon abzeichnete; Schon allein die Werbetrommeln würden einiges an Schaden für uns Autisten anrichten. Indem wieder falsche Fakten verbreitet und Klischees verfestigt werden würden. So gab es die Tage auch in „Volle Kanne – Service Täglich“ eine Unterhaltung zum Film „Ella Schön“, an dem ich ganze 9 Punkte an falschen Fakten und unglücklichen Formulierungen fand. Vor allem Dingen aus kristallisierte sich heraus; Anette Frier würde in ihrer Rolle den emotionslosen Roboter mimen, der vollkommen monoton spricht und niemals lacht. Ein härteres Klischee gibt es kaum noch.

Und nun, letzte Nacht, der Kölner Treff beim WDR. Gesprächsthema mitunter; Autismus und der Film „Ella Schön“. Nur machte man dabei so vieles falsch, dass man ehrlich nicht mehr weiß, was das überhaupt soll.

Aber hier Mal zu den Details

„Autismus ist ja eigentlich eine schwere Persönlichkeitsstörung, Asperger-Autismus ist nicht ganz so schlimm, sag ich jetzt einfach Mal. Sehr viele sehr kluge Leute mit Inselbegabungen, und, und, und …“ (Frau Böttinger)

Einleitungssatz von Frau Böttinger, und schon so vieles falsch …

  1.  Autismus ist keine Persönlichkeitsstörung, sondern eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Das ist was vollkommen anderes. Sieht man schon allein daran, wo Persönlichkeitsstörungen im ICD aufgelistet sind und wo hingegen Autismus.
  2. Asperger-Autismus als „nicht ganz so schlimm“ zu beschreiben vertieft Mal wieder die Vorstellung, dass es nur eine „leichte Form“ von Autismus sei. Der einzige echte Unterschied ist aber das Vorhandensein von Sprachentwicklungsstörungen, nicht die Auswirkungen von Autismus nach außen.
  3. Nein, es gibt nicht sehr viele kluge Autisten mit Inselbegabungen. Das gehört zum Savant-Syndrom, betrifft gerade Mal 50 Autisten weltweit und hat mit Autismus generell überhaupt nichts zu tun.

Schade, dass Anette Frier hier alles nur abnickt. Aber sie weiß es wohl selbst nicht besser. Und dann spielt sie eine Autistin? Ehrlich, ich denke auch, dass es nicht ihr eigener Fehler ist, aber es zeigt doch sehr deutlich, wie viel Wissen über Autismus bei der Produktion von „Ella Schön“ tatsächlich vorhanden war. Hätte man hier ordentlich gearbeitet, hätte Frau Frier hier korrigieren können müssen.

Und wieder ein schon bekannter Filmausschnitt, wo Ella Schön vollkommen monoton spricht, keine einzige Emotion zeigt, noch nicht einmal im Ansatz Blickkontakt aufbaut während sie mit anderen spricht …

„Diese Asperger-Frau“ (Anette Frier)

Ich denke, Ella Schön kommt aus Frankfurt, nicht aus Asperg? Nein, ehrlich, diese Bezeichnung ist einfach falsch und in der Form auch noch herabwürdigend. Wir sind Autisten. Von mir aus Asperger-Autisten, aber immer noch Autisten. Nicht Asperger. Das sind die Einwohner aus Asperg.

„Patienten und Patientinnen“ (Miriam Meckel)

Meinte sie damit jetzt auch Autisten? Es geht gerade um die andere Verknüpfung im Gehirn bei Autisten. Wenn ja, dann ist diese Bezeichnung leider genauso falsch wie „Asperger“. Außerdem würde „Patient“ ja voraussetzen, dass Autisten krank wären. Sind sie aufgrund ihres Autismus aber nicht. Denn Autismus ist keine Krankheit. Und sie nennt auch wieder die Inselbegabungen. Wieso korrigiert das denn keiner?

„Ich wusste schon, was Asperger ist“ (Anette Frier)

Aber offensichtlich nicht den korrekten Begriff, Frau Frier.

„Um es einfach zu sagen, Asperger-Menschen, also diese Form von Autismus, die haben ja eigentlich wenig Empathie für andere“ (Frau Böttinger)
„Ja!“ (Anette Frier)

Nein! Das ist mit eines der gewaltigsten Vorurteile, die man uns Autisten gegenüber hat. Wir haben vielleicht Probleme, Emotionen bei anderen zu erkennen. Aber sobald wir wissen, was beim Gegenüber los ist, dann können wir von der Empathie auch derart mitgerissen werden, dass wir durch den schlechten Zustand eines anderen selbst in eine Krise geraten. Ich sage nur: Krisen-Ping-Pong.
(Und leider ein weiterer Beweis dafür, dass bei der Produktion nicht alles Wissen zu Autismus korrekt war)

„Es gibt Schauspieler, die nehmen ihre Rolle nach Drehschluss mit nach Hause, hast du denn danach mit deinen Kindern noch warmherzig kommunizieren können?“ (Frau Böttinger)

Was sind wir? Emotionslose Roboter? Ehrlich, was die hier für ein Bild von Autismus haben, ist grausig. Die können Mal gerne beobachten, wie ich am Mittwoch mit meinem „Freund“ umgehen werde.

„Die haben mit mir Text gemacht. Dann hat meine Tochter gesagt, wenn es zu viel Betonung war, wurde das gestoppt“ (Anette Frier)

Ob das so klug ist, nicht-autistische Kinder bewerten zu lassen, wie gut man einen Autisten mimt? Ich denke nicht. Das hätte man wenn mit Autisten machen sollen, aber nicht mit den eigenen Kindern. Tut mir Leid, Anette Frier, aber da haben Sie Blödsinn gemacht. Zumal, Autisten betonen durchaus in der Sprache. Vielleicht nicht ganz so sehr wie andere (und ich bin da vielleicht eh stärker beeinflusst durch die Sprachmelodie im Kölner Raum), aber sie tun es.

Übrigens berichtet Anette Frier zwischendurch auch von einem Autisten von der Straße, den sie immer als extrem unhöflich und unsympathisch wahrgenommen hat, bis sie Mal begriffen hat, dass er Autist ist. Was soll das bitte rüber bringen? Dass alle unhöflichen und unsympathischen Menschen Autisten sind, oder das alle Autisten unhöflich und unsympathisch sind? Das ist beides falsch. Man mag aber auch nicht zwischendurch Mal wieder anbringen, dass es hier um Einzelfälle geht und es auch Autisten gibt, die ganz anders sind. Das war nur so wichtig, dass man es in einem Nebensatz kurz erwähnt hat, um es gleich darauf wieder zu vergessen …

Ehrlich. Nach so einem Beitrag ist einem eigentlich nur noch zum Heulen zumute. Man kämpft fast jeden Tag dafür, dass die Gesellschaft ein halbwegs realistisches Bild von Autismus erhält, und dann kommen die Medien mit ihrer viel größeren Reichweite und machen alles wieder kaputt und noch schlimmer. Wenn man dann als Autist etwas dagegen sagt, ist man entweder ein Idiot, oder wird komplett ignoriert. Es ist nicht so, als hätten andere Autisten und ich nicht versucht, schon im Voraus möglichst viel über diesen Film heraus zu bekommen. Doch das ZDF fand ein paar Autisten, die ihre Sorge vor der Verfestigung von Vorurteilen und Klischees ausdrücken, wohl nicht besonders wichtig.

Ich bin übrigens nicht die einzige, die sich darüber aufregt. Querdenker hat schon mehrere Tweet-Ketten dazu verfasst. Hier eine Auswahl

Mir bleiben im Moment nur drei Fragen im Kopf hängen;

Hatte man bei „Ella Schön“ überhaupt den Anspruch, die Rolle realistisch auszulegen? Ich glaube derweil kaum noch, dass ich morgen etwas sehen werde, das man als „realistisch“ bezeichnen kann. Man scheint nur wieder die üblichen Klischees zu bedienen. Doch dazu werde ich mich noch äußern, sobald ich den Film gesehen habe.

Und wieso sind wir Autisten und unsere angehörigen immer die einzigen, denen so etwas auffällt und dagegen Protest erheben? Und wieso nimmt man uns dabei niemals ernst?

Würde man dasselbe mit anderen Gruppierungen machen, wäre die Empörung groß. Aber da es hier ja nur um Autisten geht, scheint es ja nicht allzu wichtig zu sein, welchen schädlichen Einfluss man durch derartige Promotion und Produktionen auf deren Leben nimmt. Übrigens ein Problem, das auch andere Menschen mit Behinderungen erfahren, da z.B. auch Gehörlose und Rollstuhlfahrer meistens durch nicht-behinderte Schauspieler dargestellt werden und auch oftmals niemand mit der entsprechenden Behinderung an der Produktion beteiligt wird.

So fühlt es sich für mich an. Und es ist kein gutes Gefühl. Es lässt mich ehrlich verzweifeln.

 

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2 Kommentare zu „Düstere Vorzeichen eines Films

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