Weder Krankheit, noch Charakterzug

Heute ist der Welt-Autismus-Tag. Der Tag im Jahr, wo die meisten Texte über Autismus veröffentlicht werden, und auch das meiste für uns Aktivisten zu korrigieren ist. Das hier ist folglich wahrscheinlich nur der erste von mehreren Artikeln, die heute in diesem Blog veröffentlicht werden. Wenn auch nur, wenn die Artikel und die Anmerkungen dazu ähnlich lang werden wie in diesem Fall des Artikels von der Deutschen Welle.

Gut gemacht; Zu Beginn erst einmal sehr verschiedene Autisten vorstellen. Das muss ich Mal ehrlich loben. Findet man selten. Doch direkt beim ersten, Stephen Wiltshire, macht man einen dicke Fehler; Man beschreibt in der Bildunterschrift seine Fähigkeit, einmal betrachtete Dinge bis ins kleinste Detail nachzeichnen zu können, ohne das vom Autismus abzugrenzen. Denn hierbei handelt es sich tatsächlich Mal um eine Inselbegabung; Wiltshire ist Autist und Savant. Letzteres ignoriert man aber und vermischt damit beide Diagnosen wieder. Obwohl wir Autisten gegen diese Vermischung schon seit Jahren ankämpfen müssen.

Bei der Vorstellung von John spricht man vom Festhalten an wiederkehrenden Ritualen, festgelegten Wegen und Tagesabläufen als „zwanghaft“. Ja, Zwänge können als komorbide Störung bei Autisten auftreten, aber eben komorbid! Hier von zwanghaft zu sprechen verfestigt das Bild, das Autisten grundsätzlich auch zwanghaft seien. Dem ist aber nicht so, denn die damit gemeinten stereotypen Verhaltensweisen sind in ihrer Natur her ganz anders als Zwänge (jedenfalls ist das mein Begreifen aus Gesprächen mit meinem zwangserkrankten Freund). Auch wird diese Eigenschaft hier auf den frühkindlichen Autismus bezogen, obwohl er genau wie die Schwierigkeiten beim Verstehen von Gefühlen ebenso beim Asperger-Syndrom auftritt.

Dass seine Mutter ihn mit „wie ein ein- oder zweijähriges Kind“ bezeichnet, lässt mich den Kopf schütteln. Das ist die reine Außensicht. Wenn er nicht schreibt und nicht spricht (kann er wirklich nicht, weil ihm die Fähigkeit fehlt, oder ist es aus anderen Gründen zu schwierig für ihn?), kann man auch schlicht nicht wissen, ob er alles versteht oder nicht. Man sieht ja nicht, wie es in seinem Innerem aussieht. Vielleicht ist es doch ganz anders, als seine Mutter glaubt? Wäre nicht das erste Mal, dass ein Autist in Wahrheit ganz anders wäre, als die Menschen um ihn herum glauben möchten.

Und auch im übernächsten Absatz steht etwas davon, dass einige Autisten nie sprechen lernen. Geht es hier eigentlich allein um die Lautsprache? Es gibt durchaus nonverbale Autisten, die schriftlich kommunizieren und auch im Netz aktiv sind. Andere nutzen Gebärdensprache. Hier hätte man also durchaus mehr betonen können, dass auch nicht sprechende Autisten kommunizieren. So aber versteht es der Leser schnell falsch.

Als nächstes versucht man mit einem graduellen Unterschied der verschiedenen Autismusformen wieder einmal, das Spektrum linear einzuteilen. Nein, das ist und bleibt einfach großer Quatsch. Und auch zu sagen, dass sich frühkindlicher Autismus und das Asperger-Syndrom eher in der Schwere der Symptome unterscheiden würden, ist schwierig. Daraus schließt der Leser zu leicht wieder, dass Asperger-Autisten leicht, frühkindliche Autisten schwer betroffen sind. Das ist nichts weiter als ein Vorurteil, dem leider auch diese Forschungsgruppe aufgesessen zu sein scheint.

Als nächstes kommen beim extrem-männlichen Gehirn (welches in der Diagnostik tatsächlich getestet wird) Mal wieder die berühmten autistischen Züge, die bei einem erhöhten pränatalen Testoreronsspiegels vermehrt auftreten sollen. Moment, autistische Züge? Das ist gar kein Autismus, sondern ein Kunstwort, das nur einzelne Symptome beschreibt, welche man allgemein vor allem dem Autismus zuordnet. Wirklich bewiesen wird die Theorie des extrem-männlichen Gehirns hier also nicht. Aber merkt der Leser das, wenn er ohne Erklärung mit dem Begriff der autistischen Zügen konfrontiert wird?

(Oh, und kein Artikel ohne Rain Man. Muss das sein?)

Zu den ansonsten beschriebenen Merkmalen beim Gehirn kann ich leider nicht viel sagen, ich bin weder Neurologe, noch bin ich gut in diesem Aspekt drin. Wer dort besser Bescheid weiß, darf hier gerne in den Kommentaren ergänzen.

Und bei den Umweltfaktoren … oh je, da springt man fast auf den Zug der Panikverbreiter auf. Wenn Dinge wie Umweltgifte und Luftverschmutzung tatsächlich einen Einfluss hätten, wieso steigt der Anteil der Autisten dann nicht an? Tut er aber nicht.

Dem nächsten Punkt, dass Autismus-Diagnosen subjektiv seinen, kann ich leider nicht vollkommen widersprechen. Wo Menschen beurteilen, ist das Urteil immer zu einem gewissen Grad subjektiv. Was man hier jedoch macht, ist zu betonen, dass Autismus-Diagnosen falsch sein können. Das dann auch noch Frau Kamp-Becker zitiert wird, die von einem ausfransen des Autismus-Sektrums spricht, ist dann kaum noch überraschen. Frau Kamp-Becker gehört zu denjenigen, die Autisten nur zu gerne ihre Diagnose absprechen. Zudem ist sie der Meinung, dass „alle“ Autismus als zu positiv bewerten (man schaue Mal hier auf die Seiten 7 bis 9, dort wird die Einstellung mehr als deutlich. Auch schreibt Autismus – Keep calm and carry on hier über einen Artikel, in dem ein unter ihr arbeitender Arzt zitiert wird).

Und eines fällt auf; An dieser Stelle wird ausschließlich vom Verhalten der Autisten gesprochen. Wo ist die Innensicht? Wo ist das Kriterium der veränderten Reizverarbeitung der Sinneseindrücke, was sehr bald in die Diagnosekriterien mit einfließen sollte? (Sofern wir Mal endlich die ICD 11 bekommen). Nirgends. Man spricht davon, dass die Grenze dort gezogen wird, wo das Verhalten zu klinisch relevanten Problemen führt. Ist tatsächlich so die Praxis, aber mit den fließenden Grenzen läuft man wieder Gefahr, stark kompensierenden Autisten ihre Diagnose abzusprechen. Zumal die Problematik auch stark vom Umfeld abhängt. Ignoriert man das, was durch das Umfeld aufgefangen wird, fallen wieder viele Autisten durchs Raster und erhalten keine Diagnose.

Und so kann ich auch bei der wiederholten Frage aus der Überschrift nur den Kopf schütteln. Krankheit oder Charakterzug … meine Antwort darauf ist; Weder noch. Ein einfacher Charakterzug ist Autismus definitiv nicht. Auf die Idee kann man auch nur kommen, wenn man den Aspekt der veränderten Reizverarbeitung der Sinneseindrücke vollständig ignoriert. So vollständig, wie es in diesem Artikel eben passiert. Denn eine veränderte Reizverarbeitung lässt sich eben nicht schlicht durch einen Charakterzug erklären. Das heißt aber auch nicht, dass Autismus eine Krankheit ist. Deshalb bleibe ich kurz bei „angeborene Behinderung“. Es ist eher ein So-Sein, bei diesem sich die Umwelt aber behindernd auswirkt. Weil nicht darauf eingegangen wird. Wie gesagt kann das direkte Umfeld hier aber auch viel auffangen. Freunde und Familie, die einen einfach unterstützen, ohne Fragen zu Stellen oder zu kritisieren.

Und so bleibt es dabei, dass die Deutsche Wellen uns Autisten zum Weltautismustag keinen Gefallen tut mit diesem Artikel. Doch solche Artikel sind leider heute gehäuft zu erwarten. Wie jedes Jahr …

 

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Ein Kommentar zu „Weder Krankheit, noch Charakterzug

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