Kritik einer Leseprobe

Dieser Artikel hier entsteht auf Wunsch mehrerer Nutzer auf Twitter. Ich habe mich dort in eine Diskussion über ein Buch eingeschaltet, in der es vor allem auch um die Darstellung eines Autisten geht.

Das Mal als Ausgangstweet

Wir hatten jetzt also die These „Die Darstellung trifft nicht zu“

An dieser Stelle schnappte ich mir eine Leseprobe des entsprechenden Buches und schaltete mich in in die Diskussion mit ein. Wer hatte hier nun Recht? @ReadPankBlog oder @_Leselust_? Es stimmt ja ohne Zweifel, dass eine solche Kritik ohne Belege schwierig ist. Ich lieferte dann auf Twitter noch insgesamt drei Zitate, die für eine schlechte Darstellung sprechen. Da sich aber in der Leseprobe noch einiges mehr findet und meine Begründungen auf Twitter etwas kurz ausgefallen sind, nun also die ausführliche Version.

Eine Bemerkung vorweg; Auch wenn Jacob eine fiktive Figur sein mag, werde ich ihn hier an einigen Stellen behandeln wie einen echten Menschen. Denn wenn man auf ein Thema aufmerksam machen will, ist der Realismus der Darstellung unabdingbar.
Und alle Zitate stammen folglich auch aus dem Roman (bzw. der Leseproobe zu selbigen) „In den Augen der anderen“ von Jodi Picoult, erschienen beim Bastei Entertaiment/Lübbe 2011/2013 (das nur, um dem Urheberrecht genüge zu tun). Ich werde zudem in Klammern immer den Charakter angeben, aus dessen Sicht gerade erzählt wird.

(Emma, Mutter von Jacob)
Jacob blinzelt mich ausdruckslos an. Er lebt in einer wörtlichen Welt. Das ist eines der Kennzeichen seiner Krankheit.

Ok. Ja, Autisten neigen dazu, Dinge eher wörtlich zu verstehen. Und tatsächlich haben oder hatten viele von uns mit solchen Sprichwörtern Probleme. Es aber als „Kennzeichen“ der „Krankheit“ bezeichnen zu müssen, finde ich doch schwierig. Es ist ein mögliches Symptom, ja. Aber eben nur ein mögliches, das ebenso gut auch wie verschwinden kann. Außerdem nervt es ehrlich gesagt, dass Autisten in fiktiven Szenarien immer alles wörtlich verstehen müssen. Einige von uns lernen mit der Zeit, sodass später gar nicht mehr auffällt, dass wir einst Probleme mit solchen Sprichwörtern hatten. Somit definitiv ein Klischee an dieser Stelle.

Bei der Krankheit kann man natürlich wieder viel diskutieren. Mir gefällt der Begriff persönlich ja überhaupt nicht. Behinderung, ja. Krankheit? Fraglich. Ich lasse das an dieser Stelle erst Mal so stehen (und werde später noch einmal darauf zurück kommen müssen).

(Emma)
Wenn er nicht weiß, wie er seine Gefühle in Worte fassen soll, leiht Jacob sich die eines anderen. In diesem Fall stammen sie aus Der Unbeugsame. Wenn Jacob einen Film einmal gesehen hat, erinnert er sich an jede Zeile daraus.

Vielleicht bin ich zu hart, wenn ich die Darstellung kritisiere, dass Autisten sich immer Wörter eines anderen leihen müssen. Aber wie das wörtliche Verstehen ist auch das eine Darstellung, die sich einfach zu häufig in der Literatur wiederfindet. Sicherlich gibt es den ein oder anderen Fall, auf den das so zutrifft. Aber muss man immer dasselbe Konstrukt benutzen?

Was ich aber definitiv kritisieren muss, ist der letzte Satz. Wir haben hier, einmal mehr, einen Autisten mit einem ganz besonderen Talent. Wer dieses Buch liest und an der Idee der Inselbegabung bei Autisten festhält, fühlt sich hier nur einmal mehr bestätigt. Und seltsamer Weise müssen Autisten in der Fiktion meist irgendein besonderes Talent haben. Nur trifft das in der Realität bei weitem nicht zu.

(Emma)
Ich habe viele Eltern von Kindern am unteren Ende der Autismusskala kennengelernt, von Kindern, die das genaue Gegenteil von Jacob mit seinem Asperger-Syndrom sind.

Autismus als Skala. Hier haben wir den ersten dicken Fehler. Autismus lässt sich nicht linear einteilen. Weil es ein Spektrum ist. Dementsprechend gibt es auch kein genaues Gegenteil. Wo ist das in einem Kreis?

(Emma)
Sie glauben, es gebe keine schlimmere Hölle, als einen Sohn zu haben, der ganz in seiner eigenen Welt gefangen ist und nichts, wirklich rein gar nichts von der größeren um sich herum weiß.

Woher will man wissen, dass diese Autisten wirklich nichts von der Welt um sich herum wissen? In ihre Köpfe hinein schauen kann man nicht. Das ist wieder diese verurteilende Außensicht. Kommuniziert nicht mit der Außenwelt = weiß nichts von ihr. Und selbst dieses Nicht-Kommunizieren ist meistens eine fehlerhafte Einschätzung, wenn der Autist schlicht anders kommuniziert, als man es erwartet.

So, aber dieses „in seiner eigenen Welt gefangen“. Muss das wirklich schon wieder sein? Wir sind nicht in uns gefangen. Doch scheint man diese Vorstellung einfach nicht aus den Köpfen der Leute heraus zu bekommen.

(Emma)
Aber haben Sie mal einen Sohn, der in seiner eigenen Welt feststeckt und trotzdem Kontakt mit der Welt draußen aufnehmen will – mit einem Sohn, der wie alle anderen sein will, aber nicht weiß, wie das geht.

Kleinere Kritik … wenn nicht dieses „mit der Welt draußen“ wäre, wäre dieser Satz sogar überaus zutreffend. Denn genauso fühlt es sich oft an. Man will eigentlich mit den Menschen kommunizieren. Man will sich sozial beteiligen. Hat aber einfach keine Idee, wie das funktionieren soll. Weil dieses intuitive Wissen, was die anderen haben, einfach fehlt.

(Emma)
Ich strecke die Hand aus, um ihn zu trösten, halte mich dann jedoch zurück. Selbst bei der kleinsten Berührung kann Jacob explodieren. Er mag weder Händeschütteln noch Schulterklopfen oder Haareraufen.

Das fällt wie das wörtliche Verstehen unter die Kategorie: Ja, kann zutreffen, damit haben auch viele Probleme, aber nicht immer in der Ausprägung. Und es fällt ebenfalls darunter, dass es in der Fiktion irgendwie immer so ist, dass Autisten absolut keine Berührungen ertragen können. Dass es durchaus auch Autisten gibt, die Berührungen von bestimmten (!) Menschen als sehr angenehm empfinden? Wird in der Literatur so gut wie immer ignoriert.

Das mit dem Explodieren werde ich Mal noch im Hinterkopf behalten.

(Emma)
Für mich beschreibt der Begriff »Asperger-Syndrom« nicht die Eigenschaften, die Jacob besitzt, sondern die, die er verloren hat. Er war ungefähr zwei Jahre alt, als er zu sprechen begann, keinen Augenkontakt mehr herstellte und andere Menschen mied. Entweder konnte er uns nicht hören, oder er wollte nicht. Eines Tages habe ich ihn beobachtet, wie er neben seinem Spielzeugtruck auf dem Boden saß. Er drehte die Räder, sein Gesicht war nur wenige Zoll von meinem entfernt, und ich dachte: Wo bist du hingegangen?

So. Und genau jetzt kommen wir an die Stelle, weshalb ich „Krankheit“ lieber aufbewahrt habe. Wir haben hier wieder die Darstellung, das Autismus etwas ist, dass irgendwann im Leben erst auftritt. Dabei ist Autismus angeboren. Es wird nur erst sichtbar, wenn die sozialen Anforderungen zu hoch werden. Wenn die Reize nicht mehr kompensiert werden können. Entsprechend gibt es auch keine Eigenschaften, die „verloren“ gehen. Und es tut weh zu lesen, wie Menschen immer noch an der Vorstellung festhalten, wir wären irgendwann einmal nicht autistisch gewesen. Als wären wir erst irgendwann kaputt gegangen.

Und damit ist hier auch der Begriff der Krankheit ein Problem. Denn es wird suggeriert, als wäre diese im Alter von zwei Jahren aufgetreten. Aber wie gesagt, es ist angeboren.

(Emma)
Henry war Programmierer. Er arbeitete daheim und konnte es einfach nicht ertragen, wenn Jacob wieder einmal einen seiner Tobsuchtsanfälle bekam und das aus den nichtigsten Gründen. Mal war das Licht im Badezimmer zu grell, dann störte ihn das Geräusch eines UPS-Wagens in der Einfahrt oder die Zusammensetzung des Müslis zum Frühstück.

Es war gut, das „explodieren“ im Hinterkopf zu behalten. „Tobsuchtanfall“. Nein. Der korrekte Begriff ist hier „Meltdown“. Das hat auch nichts mit einem Anfall zu tun, sondern ist schlicht eine Reaktion auf die schädlichen Reize, die hier ja sogar beschrieben werden. Selbst das Müsli fällt darunter, denn es könnte in der Haptik für Jacob nicht erträglich gewesen sein (ein Problem, das bei mir zum Glück quasi nicht existent ist. Ich mag auch nicht alles, aber das ist normal).

(Emma)
Zu dieser Zeit war ich fast ausschließlich mit den Therapeuten beschäftigt, die ständig bei uns ein und aus gingen und versuchten, Jacob aus seiner eigenen kleinen Welt zu zerren.

Nicht zerren! 😦
Aber da haben wir es wieder. Der Autist ist kaputt und man muss versuchen ihn zu reparieren.

(Emma)
Doch dank der Verhaltens- und Sprachtherapie hatte Jacob wieder begonnen, mit anderen Kontakt aufzunehmen.

Sicher, dass es nicht die normale Entwicklung von Jacob war? Dieser Satz reflektiert ein Verhalten, das wir in der Realität auch sehr häufig bei Eltern beobachten. Insbesondere denjenigen, die ABA befürworten. Jeder Entwicklungsfortschritt ist dann plötzlich dank der Therapie. Dass der Autist diese Änderung von sich selbst aus gezeigt haben könnte? Ach was, das ist ja absurd …

(Emma)
Es wird viel darüber diskutiert, ob man das Asperger-Syndrom dem Autismus zurechnen soll oder nicht, aber um ehrlich zu sein, es ist egal.

Nein, ist es nicht. Zumal der einzige Unterschied zum „klassischen“ Autismus in der Diagnostik immer noch die Sprachentwicklung ist. Ob sie verzögert ist oder nicht ist streng genommen das einzige Unterscheidungskriterium, auch wenn es leider viele Ärzte selbst ignorieren (ausgeklammert hier, dass bei einer _zusätzlichen_ geistigen Behinderung kein Asperger-Syndrom diagnostiziert werden darf). Und wenn man sich die Vielfalt an Autisten ansieht, wird man auch feststellen, dass zwischen Asperger-Autisten und frühkindlichen Autisten kaum ein Unterschied besteht. Der Unterschied war hier niemals klar, und wird mit der nächsten ICD zum Glück auch wegfallen. Bei der DSM 5 ist er schon weg.

(Emma)
Er wird Ihnen nie in die Augen schauen, und wenn Sie mit jemand anderem sprechen, vielleicht nur ganz kurz, werden Sie wahrscheinlich feststellen, dass er in der Zwischenzeit den Raum verlassen hat.

Vorsicht. Einige Autisten haben Tricks drauf, dass es für Nicht-Autisten so wirkt, als würden sie ihnen in die Augen schauen. Aber tatsächlich ist Blickkontakt für die allermeisten Autisten schwierig. Für mich zum Beispiel, weil er schlicht unangenehm ist.

(Emma)
Das ist Teil seines gewohnten Tagesablaufs, soll heißen, wir weichen nur selten davon ab. Alles Neue muss lange im Voraus eingeführt werden, damit er sich entsprechend darauf vorbereiten kann – egal ob es sich dabei um einen Zahnarzttermin handelt, einen Urlaub oder um einen neuen Schüler in seinem Mathematikunterricht.

Wieder etwas, das durchaus zutrifft, hier aber etwas extrem dargestellt wird. Andere Stellen lassen auf den berühmten minutiösen Tagesablauf schließen. Ja, Routinen sind hilfreich. Immer relativ gleich verlaufende Tage wirken beruhigend. Aber es wird hier Mal wieder so dargestellt, als müssten wir unbedingt präzise nach diesem Plan leben. Nein, so ist das bei vielen von uns dann auch schon wieder nicht.

(Emma)
[…] aber ich bin nicht sicher, dass er sich daran erinnert, wann er fahren darf und wann nicht, wenn plötzlich Fahrzeuge aus verschiedenen Richtungen auf eine Kreuzung zurollen.

Puh … darüber gibt es tatsächlich immer wieder furchtbare Diskussionen. Tatsache ist, dass einige Autisten selbst einen Führerschein haben und sich durchaus sicher im Straßenverkehr bewegen können. Andere wiederum (wie ich selbst) lassen das Auto lieber stehen, weil sie sich nicht sicher nicht, ob sie den gesamten Verkehr um sich herum immer sicher wahrnehmen können. Aber auch da gibt es ausreichend nicht-autistische Menschen, die aus denselben Gründen keinen Führerschein haben oder nicht mehr fahren. Und könnte man sich nicht darauf einigen, dass man im Zweifelsfall stehen bleibt?

Es folgt im ersten Kapitel noch die Beschreibung eines Meltdowns, der durch die Abwesenheit der „Häppchendame“ ausgelöst wird. Sie zieht sich zu lang, als das ich hier genauer zitieren könnte. Was aber an der Darstellung schädlich ist; Es scheinen immer absolute Kleinigkeiten zu sein, die Jacob außer Kontrolle geraten lassen. Kein Versuch der Erklärung, dass für einen Autisten Auslöser von Meltdowns eben keine Kleinigkeiten sind.

Ich werde den Rest der Leseprobe eher überfliegen, und nur noch die Zitate auflisten, die mir wirklich ins Auge fallen.

(Theo, Jacobs Bruder)
Der ganze Dreck, den Jacob zum Frühstück schlucken muss – eine Extramahlzeit Pillen, dazu Injektionen und Nahrungsergänzungsmittel – kostet ein Vermögen, und ich weiß, dass Mom manchmal nachts noch freiberuflich als Lektorin arbeitet, um Jess bezahlen zu können, Jacobs Sozialtherapeutin.

Mich lässt diese Beschreibung ehrlich unruhig werden. Haben wir da etwa eine „heilbringende Diät“ im Spiel? Zudem ist es ein Klischee, das Autisten medikamentös behandelt werden müssen, irgendwelche Nahrungsergänzungsmittel brauchen oder gar Diäten halten müssen. Diese Einstellungen sind weit verbreitet, aber deshalb nicht weniger falsch.

Eine generelle Bemerkung noch zu der Beziehung zwischen Jacob seinem nicht-autistischen Bruder Theo. Der Bruder tritt zumindest zum Anfang des Romans als jemand auf, der von seinem Bruder überaus genervt ist. Er hat kein Verständnis für die abweichenden Bedürfnisse und will sich auch nicht mit um den älteren Bruder kümmern. Es wird deutlich, dass Theo seinen Bruder als Belastung empfindet. Wieso müssen wir Autisten eigentlich immer eine Belastung für die gesamte Familie sein? Etwas anderes findet sich in der Fiktion ebenfalls kaum. Für mich ist diese Darstellung vor allem auch deshalb negativ, weil ich selbst einen kleinen, nicht-autistischen Bruder habe. Genauso wie Jacob. Auch bei uns ist es so, dass er, der kleine, mir immer wieder helfen musste. Und auch immer wieder auf mich Rücksicht nehmen muss. Aber; Wir haben ein gutes Verhältnis zueinander. Klar, manchmal streiten wir uns. Aber als ich einmal niedergeschlagen meinte, dass ich aufgrund meiner Behinderung eh wertlos sei und man mich am besten wegwerfen könnte, begann er aufgrund dessen tatsächlich zu weinen. Habe ich nicht gesehen, weiß ich aber von seiner Freundin, die plötzlich uns beide irgendwie wieder beruhigen musste.

(Jacob)
Heutzutage missbrauchen Eltern diese Diagnose schließlich reihenweise, um zu verschleiern, dass ihre Gören keine Supergenies, sondern in Wahrheit einfach nur asozial sind.

Vielen Dank auch. Tut mir Leid, dass ich an dieser Stelle sarkastisch werden muss. Aber solche Aussagen stellen generell alle Autismus-Diagnosen in Zweifel und schaden somit unglaublich. Wenn man sagt, man sei Autist, muss man sich mit dieser Denkweise erst mal wer weiß wie Rechtfertigen. Gar vielleicht ständig seine Diagnose vorlegen. Und man bekommt diese Diagnose nicht einfach so.

Wir sind übrigens in einem Abschnitt, der aus der Sicht von Jacob selbst geschrieben wurde. Wo ich mich ehrlich gesagt Frage; Was soll das? Wieso glaubt eine Nicht-Autistin glaubhaft beschreiben zu können, wie wir im inneren fühlen und denken? Klar, es handelt sich hier um eine fiktive Figur. Nennt mich eingebildet, aber ich finde das absolut nicht in Ordnung.

(Jacob)
Die Medien haben immer wieder posthum bei berühmten Persönlichkeiten das Asperger-Syndrom diagnostiziert.

Und eben deshalb sollte man derartige Diagnosen nicht ernst nehmen. Sie sind ohne jeglichen Wert, weil sie eben posthum geschehen. Niemand kann mehr diese Menschen im Detail in ihrem Verhalten beobachten und sie selbst sowie ihr Umfeld befragen. Genau das, was für eine echte Diagnose nötig wäre. Wird das hier erwähnt? Nein.

(Emma)
Isolation. Fixierung auf ein bestimmtes Thema. Unfähigkeit, soziale Kontakte herzustellen.
Bei Jacob hatte man es diagnostiziert, aber ich hätte genauso gut das Asperger-Syndrom haben können.

Unfähigkeit? Das Herstellen sozialer Kontakte ist problematisch, schwierig, aber generell unfähig dazu sind Autisten nicht. So ist das einfach nur eine falsche Vereinfachung von Symptomen. Und solche Selbstdiagnosen sind nicht in Ordnung.

(Emma)
Jacob isst weder Gluten noch Kasein – kein Weizen, kein Hafer, keine Gerste und keine Milchprodukte. Da es noch kein Heilmittel für das Asperger-Syndrom gibt, behandeln wir die Symptome, und aus irgendeinem Grund bessert sich sein Verhalten, wenn ich die Diät umstelle.

Zugegeben. Bei dieser Stelle habe ich schreien müssen. DA haben wir die „heilbringenden“ Diäten, in ihrer ganzen Pracht! Sie mögen hier als „symptomlindernd“ beschrieben sein, aber auch das ist erwiesener Maßen nicht zutreffend. Langsam muss ich mich doch fragen, in welchen Kreisen diese Dame überhaupt recherchiert hat.

(Emma)
Es ist das Oxytocin-Nasenspray und die Vitamin-B12-Spritze, die er sich selber verabreicht. Beides hilft ihm gegen seine Angst.

Und es geht weiter. Es gibt Untersuchungen zu diesem Oxytocin-Nasenspray, aktuell laufende Studien. Erwiesen ist hier nichts. Und gegen welche Angst soll es helfen?
Kurz gesagt; Hier werden allerlei dubiose Methoden aufgelistet. Und zwar so, als könnten sie tatsächlich helfen. Das ist einfach nur eines: Hoch gefährlich!

(Emma)
Fragen Sie mal die Mom eines autistischen Kindes, ob Impfstoffe bei der Erkrankung ihres Sprösslings eine Rolle gespielt haben, und sie wird ihnen mit allem Nachdruck antworten: Ja!
Fragen Sie eine andere, und sie wird Ihnen genauso nachdrücklich erklären: Nein!
Das Urteil darüber ist im wahrsten Sinne des Wortes noch nicht gefällt worden.
[…]
Außerdem steigt die Zahl der Autismuserkrankungen immer noch, obwohl es kein Quecksilber in Impfstoffen mehr gibt.
[…]
Mein Sohn war wie jedes andere zweijährige Kind, bis er eine Kombi-Impfung gegen Diphterie, Pertussis, Tetanus, HIB und Hepatitis B bekommen hat.

Zum „krönenden“ Abschluss kommen wir jetzt also auch noch zum Impfmythos. Aber statt diesen zu entkräften, wird dieser hier sogar noch bestärḱt. Trotz der über 105 Studien, die diese These widerlegen. Das ist nicht hilfreich, sondern genau wie die Darstellung mit den Diäten schlicht schädlich und sogar gefährlich. Werden hier doch wieder Eltern darin bestärkt, Impfungen skeptisch zu sehen.

Zum Thema „Autismuserkrankungen“; Diese Aussage ist ebenfalls schlicht falsch, dass die Anzahl der „Erkrankungen“ ansteigt. Was ansteigt, ist die Anzahl der Diagnosen. Und nur, weil man etwas erst später erkennt, heißt es nicht, dass es nicht vorher schon da war. Und interessanter Weise schauen Vertreter der „Autismus-Epidemie-These“ nie auf das Alter der Diagnostizierten.

Fazit: Also nein. Ich kann dieses Buch definitiv nicht befürworten. Die Darstellung von Jacob ist überzogen, klischeehaft, fehlerhaft. Was besonders erschreckend ist, will die Autorin doch nach eigener Aussage Awareness schaffen. Nein. Was sie mit diesem Buch tut, ist ein Bärendienst für uns Autisten. Vielleicht gut gemeint. Erreichen wird sie damit genau das Gegenteil. Dass sich die falschen Vorstellungen noch mehr festigen.


Noch eine kurze Bemerkung zu der Autorin selbst. Ich fand folgenden Text von ihr über das Buch

https://www.jodipicoult.com/house-rules.html#code0slide1

Sie hat einen autistischen Cousin, was sie wohl dazu inspiriert hat, diesen Roman zu schreiben. Doch es macht sie bei weitem nicht zur Expertin. Was auffällt ist, wie sie den Kontakt zu den Eltern autistischer Kinder betont. Wieso die Eltern? Wieso nur Kinder? Sie schreibt hier über einen erwachsenen Autisten. Hätte sie da nicht auch mit diesen sprechen sollen? Schreibt sie nichts von.

Alarmierend sind jedoch auch die „Hilfreichen Links“. Zum Thema Autismus taucht hier ausgerechnet Autism Speaks an erster Stelle auf. Ich kann leider keine Informationen dazu finden, ob sie sich zur Recherche vielleicht direkt an diese Stelle gewandt hat. So oder so. Autism Speaks ist eine denkbar schlechte Referenz. Sie verbreiten eine Ansicht über Autismus, die weder zutreffend ist, noch den Autisten selbst hilft. Und leider passt die Darstellung im Buch auch zu gut zu dem, was man an Darstellungen bei Autism Speaks findet …

Ich frage mich ehrlich gesagt an dieser Stelle, wieso es eigentlich nicht-autistische Autoren sein müssen, die Romane veröffentlichen, um auf uns aufmerksam zu machen und über uns aufzuklären. Können wir das nicht selbst? Und wir haben hier leider einmal mehr einen Fall, in dem es verflucht schief geht. Die Rezensionen bei Thalia sind überwiegend positiv. Die von mir aufgezeigten Fehler und Probleme scheinen nur die wenigsten sehen zu können … und es sind ja bei weitem keine Kleinigkeiten, denkt man an die Intention der Autorin und wie die Leser der Rezensionen das Buch auffassen …


Wer übrigens selbst lesen möchte (und sei es nur, um all das zu finden, was ich hier nicht benannt habe), hier findet sich eine Leseprobe

Danke auch nochmals an @AnitaWorks9698, die diesen Artikel vor der Veröffentlichung nochmal gegengelesen hat.

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16 Kommentare zu „Kritik einer Leseprobe

  1. Ich möchte gerade so viel sagen, finde dafür vielleicht noch Worte, aber es reicht gerade nur dafür, dass ich dem Bildschirm meinen Mittelfinger zeige.
    Nicht an dich gerichtet, sondern an das Buch, an die Autorin.
    Ich komme mit diesen Klischees echt nicht mehr klar.
    Und es ist nicht mehr. Fehlt nur noch die Delfintherapie. Oder der Durchbruch, dass er seine Mutter „erkennt“ und sie endlich weiß, dass ihr Sohn sie wahrnimmt. Gnaaaa
    Danke fürs Durchlesen und die Rezension.

    Gefällt 3 Personen

  2. Hat dies auf Semilocon rebloggt und kommentierte:
    „Kein Versuch der Erklärung, dass für einen Autisten Auslöser von Meltdowns eben keine Kleinigkeiten sind.“

    Ich frage mich, ob man als Autor nicht auch selbst ein paar Sprichwörter kennen sollte. Denn ich, als Autist, kenne zwei Sprichwörter, die da sagen: „The straw that broke the camel’s back“ und die deutsche Entsprechung „Der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt“. Kleinigkeiten mögen Auslöser für Meltdowns sein, die Reizüberflutung hält dann aber schon deutlich länger an und hatte Zeit, sich auf zu stauen.

    Btw ist es ein Widerspruch, wenn der Autist im einen Satz nichts von der Außenwelt weiß, um dann im anderen Satz mit ihr interagieren zu wollen. Wenn er wirklich nicht wüsste, dass die Außenwelt existiert, gäbe es den Wunsch ja gar nicht. Aber das ist nur shitty writing, wie der Rest…

    Gefällt 1 Person

    1. Vielleicht kam das missverständlich, weil ich ja nur auszugsweise zitiere. Das mit „nichts von der Außenwelt wissen“ war auf die „schweren Fälle“ der Kinder anderer Eltern bezogen, nicht auf Jacob. Aber der Widerspruch bleibt trotzdem im Raum hängen, weil ja auch Jacob „in seiner eigenen Welt eingesperrt ist“ ~.~

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  3. Hallo,
    vielen Dank für deine ausführliche Kritik, die ich sehr spannend fand. Ich bin bisher bei fiktiven Charakteren davon ausgegangen, dass sie ja eh fiktiv sind, überdenke diese Einstellung aber gerade.
    Was ich interessant fand war vor allem deine Unterscheidung zwischen Krankheit und Behinderung. Für hat das Wort Behinderung noch einmal mehr Gewicht, weshalb ich bei Autismus auch eher von Krankheit gesprochen hätte. Es gibt ja auch unheilbare Krankheiten oder eben Krankheiten, die erst im Laufe eines Lebens ausbrechen, aber trotzdem angeboren sind. (Meine Mama hat beispielsweise eine solche in Form einer speziellen Rheuma-Erkrankung).
    Genau kenne ich aber die Unterschiede der beiden Wörter nicht.

    Von Jody Picoult habe ich bisher nur „Beim Leben meiner Schwester gelesen, allerdings auf Englisch, bin mir gerade nicht sicher, ob ich solche Abweichungen bei ihr vielleicht einfach überlesen habe oder ob das nur bei diesem Buch auf sie zutrifft.

    Was mich interessieren würde: Hast du zufällig einmal über die Serie „Big Bang Theory“ etwas geschrieben? Man sagt ja Sheldon auch eine Autismus-Form nach, aber nach dem was ich gehört habe, finden Autisten die Serie eher gut. Siehts du das anders?
    Falls du da auch eine so explizite Meinung hast, fände ich einen Artikel dazu wirklich spannend!

    VG Jennifer
    P.S. Ich hoffe es ist ok, aber ich werde dich in meiner nächsten Linksammlung verlinken.

    Gefällt 1 Person

    1. Klar ist das ok \o/

      Zugegebener Maßen ist das Thema Krankheitsbegriff auch immer etwas schwierig. Wie du ja gelesen hast gehöre ich zu der Gruppe, die den Begriff aus verschiedenen Gründen ablehnen. Es gibt aber auch Autisten, die das anders sehen.
      Ich habe übrigens dazu mal einen ganzen Artikel dazu verfasst, wie ich den Begriff Krankheit bei Autismus ablehne, falls es dich interessiert.
      https://wordpress.com/post/elodiyla.wordpress.com/888

      Bezüglich des Unterschieds zwischen Krankheit und Behinderung … da müsste man sich streng genommen erst einmal darüber einig werden, welche Definition der Behinderung man verwendet. Es gibt das medizinische Modell der Behinderung (man _ist_ behindert) und das soziale Modell der Behinderung (man _wird_ behindert). Ich wünschte, ich hätte vernünftige Links parat, kann aber gerade leider nur auf Wikipedia verweisen
      https://de.wikipedia.org/wiki/Medizinisches_Modell_von_Behinderung
      https://de.wikipedia.org/wiki/Soziales_Modell_von_Behinderung

      Über Big Bang Theory habe ich bislang (leider?) nichts geschrieben. Liegt aber primär daran, dass ich die Serie nicht schaue. Ich kann mit Sitcoms einfach nichts anfangen, weil ich einfach einen anderen Humor habe (und das eingespielte Gelächter geht mir gehörig auf die Nerven). Ich sehe den Fall hier im Vergleich auch etwas anders, weil man es hier nie bestätigt hat, dass Sheldon ein Autist ist (http://www.autismusfaq.de/ist-sheldon-cooper-ein-autist/). Der hier kritisierte Roman will aber explizit auf das Thema aufmerksam machen. Da muss man andere Maßstäbe anlegen als bei einer Serie, die einige Klischees überzieht, es aber nie explizit mit Autismus in Verbindung bringt (was mich deshalb maßlos ärgert, sind Leute und Medien, die hartnäckig behaupten, Sheldon sei Autist. Wir wissen es nicht, also sollten wir auch dazu nichts sagen).

      Zu „Beim Leben meiner Schwester“ kann ich nichts sagen. Ich habe zwar aktuell mehrere Krebsfälle in der Familie, aber keine bei Kindern und keine Leukämie. Außerdem kenne ich das Buch auch schlicht nicht ^^‘ Ich hoffe aber selbst, dass „In den Augen der Anderen“ ein dummer Ausrutscher war, der vielleicht noch nicht mal allein ihre Schuld ist. Wenn sie bei ihren Recherchen wirklich an Autism Speaks geraten ist, haben wahrscheinlich auch gerade die einiges versaut (es kommt nicht von ungefähr, dass diese Organisation von Autisten abgelehnt wird).

      Viele Grüße
      Elodiyla 🙂

      Gefällt 2 Personen

      1. Uih, vielen Dank für die ausführliche Antwort und die Links. Ich schaus bei Gelegenheit mal an!
        Ja, stimmt. Als Comedy ist es ja auch ganz anders und in Serien erwartet man wohl auch nicht so eine große Faktensicherheit. Ich glaube, es war einfach das erste andere, was mir zu Autismus in den Sinn kam und da du dich da auszukennen scheinst, dacht ich, du hast vielleicht auch dazu eine Meinung 🙂 Aber darum gings bei dir ja gar nicht 😀

        Ich glaube, ich hab an Picoult bisher immer geschätzt, dass sie eben manchmal weniger rechtliche sondern eher moralische Probleme aufwirft. Habe von ihr noch das Hörspiel „Zerbrechlich“ hier liegen, da gehts um eine seltene Knochenkrankheit. Deinen Artikel im Kopf, werde ich das wohl besonders kritisch hören…
        Zeigt aber sehr schön, dass man niemals einer Quelle trauen sollte und selbst bei mehreren Quellen selbst nicht unkritisch werden darf. Sowas erwarte ich von einer Autorin schon, vor allem, wenn sie so eine Größe wie Picoult ist, (war ja nun nicht ihr erstes Buch)

        VG Jennifer

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    2. Hallo! Ich zähle zu den Autisten die The Big Bang Theory mögen. Das liegt bei mir aber daran, dass ich die Serie als eine Comedy-Serie über Nerds, Nerd Culture, Physik und Technik rezipiere, weil ich diese Themen interessant finde. (Und zum Teil wohl auch daran, dass sie häufig exzessiv wiederholt wird…) Als „UIH! Eine realistische Serie über quasi mich und wie ich bin!!!“ rezipiere ich TBBT sehr entschieden NICHT… Ich kucke sogar Young Sheldon – aber erst seit der Folge, die hier am 5.2. kommen wird, weil es in der Folge u.a. um Football und Statistiken geht und mich beides interessiert.

      Gefällt 1 Person

      1. Hallo 🙂
        Also, ich glaube, es geht vielen gar nicht explizit darum, ob Sheldon Autist ist, sondern eher, dass er trotz seiner Eigenheiten gut ein eigenständiges Leben führen kann. Ich kenne nicht viele fiktive Autisten, aber wie bei Picoult sind diese meist eher eine Belastung für die Familien, was ja so nun auch schon sehr vereinfacht ist von Autor*innen.

        Ich glaube, es ist auch gar nicht so einfach, einen autistischen Charakter zu schaffen, in dem sich alle wiederfinden 😉 Ist wahrscheinlich wie bei allen anderen Figuren auch: Echte Menschen sind einfach individueller 😀

        Young Sheldon hab ich noch gar nicht angefangen, ich muss noch die letzte TBBT-Staffel zu Ende schauen. Bin aber gespannt darauf 🙂
        VG Jennifer

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  4. Die ganzen Unsinnigkeiten und Oberflächlichkeiten die über Autismus kursieren, fingen m.M.n. mit dem Film ‚Rain Man‘ an. Der Film zeigt eine ganz bestimmte Form des Autismus und seit dem hat alles was unbedarfte Autoren so zusammen schreiben einfach so zu sein. Alle Autisten sind wie ‚Rain Man‘. Was völliger Quatsch ist.

    Und was noch erschwerend hinzu kommt – viele Journalisten und Schriftsteller recherchieren nicht mehr gründlich. Wobei ich zu dem Buch jetzt selbst nichts sagen kann, weil nicht gelesen.
    Bei ‚Leseproben‘ vom Verlag sollte man nämlich auch sehr vorsichtig sein. Das ist wie bei Film-Trailern.

    LG
    G.

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    1. Das war in diesem Fall das komplette erste Kapitel und Teile vom zweiten. Und wenn es da schon so gründlich daneben geht, wie wahrscheinlich ist es, dass es später besser wird?

      Vor allem war die Vorlage für Rainman Savant, nicht Autist. Weshalb man im Film beides munter vermischt hat. Die Schäden sind bis heute spürbar.

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    2. Ich bin auch primär kein Buchblogger, sondern will über Autismus aufklären. Und ehrlich… Wenn ich schon so viel Mist in den ersten 60 Seiten findet, will ich das Buch auch gar nicht mehr kaufen, um diese Arbeit auch noch zu unterstützen…

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