Overload-Meltdown-Shutdown

Jetzt habe ich den Begriff „Overload“ schon recht häufig in meinen Beiträgen verwendet, ohne ihn überhaupt Mal erklärt zu haben. Vorne weg; Das war keine böse Absicht. Und eigentlich will ich ihn auch gar nicht als bekannt voraussetzten. Ausgenommen für diejenigen, die diesen Beitrag jetzt bis zum Ende lesen werden 😉 Nur sind Overload, Meltdown und Shutdown (Meltdown und Shutdown sind „weiterführend“) für einen Autisten eines der am schwierigsten zu beschreibenden Themen überhaupt. Vor allem, wenn es um die Innensicht geht und man diese für Nicht-Autisten begreifbar machen möchte. Deshalb; Wenn irgendwas unverständlich bleibt, gerne nachfragen! Egal ob in den Kommentaren oder über andere Kommunikationswege.

Hier will ich mich jetzt aber Mal an einen Versuch wagen, diese Begriffe endlich aufzuklären und was Overload, Meltdown und Shutdown für mich konkret bedeuten. Denn jeder Autist erlebt diese Zustände anders und verhält sich entsprechend ebenso anders.

Ganz allgemein gesprochen sind Overloads die Reaktion eines Autisten auf eine Überreizung und daraus resultierender Überlastung. Das können Sinneseindrücke sein, ich kenne es aber auch genauso gut von emotionalen bzw. psychischen Stress. Manchmal reicht eine unvorhergesehene Situation, um bei mir innerhalb kürzester Zeit einen Overload auszulösen.
In einem Meltdown („Kernschmelze“) äußert sich die Reaktion auf diese Überlastung in extremer Reizbarkeit. Manchmal wird alles und jeder nur noch angeschrien, der in dem Moment Kontakt zum Autisten sucht. Manche reagieren auch mit Aggressionen. Wichtig ist jedoch zu verstehen, dass das Verhalten in dem nicht mehr durch den Autisten gesteuert werden kann und KEINE Absicht ist! Deshalb ist auch die Beschreibung von Meltdowns als Wutanfall, die einem immer wieder begegnet, falsch.
Bei einem Shutdown hingegen wird als Reaktion vollkommen abgeschaltet. Es kann weder auf irgendwelche Reize reagiert werden, noch sind noch Handlungen möglich. Viele verlieren auch die Fähigkeit zu sprechen und verstummen.

In der Oberstufe, als ich selbst noch diese „Zustände“ begreifen musste, stellte ich einmal folgenden Vergleich an; Angenommen, dass Denken ist ein riesiges, mechanisches Zahnradwerk. Normalerweise laufen alle Gedankenzahnräder rund. Bei einem Overload aber wirft irgendwer oder irgendetwas einen Stock in das Zahnwerk. Das Rad blockiert. Und weil alle Zahnräder mehr oder weniger miteinander verbunden sind, blockieren darüber immer mehr und mehr Zahnräder. Irgendwann laufen dann nur noch ein paar Zahnräder tief unten in der Mechanik, die sich keinesfalls mehr justieren lassen. Und ich habe übrigens selbst Angst vor dem, was diese Mechanik dann bewirkt …

Deshalb war auch für mich irgendwann klar; Wollte ich das Schreien, Zetern, die Selbstverletzung oder auch die vollkommene Handlungsfähigkeit irgendwie unterbinden, musste ich so früh wie möglich ansetzen. Nicht in Form einer konkreten Therapie. Sondern derart, dass ich selbst so früh wie möglich erkennen musste, wann sich ein Overload ankündigte. Mir fielen Anzeichen auf, die eigentlich immer da waren. Aber auch eine Lehrerin bemerkte zum Beispiel, dass ich eine Zeit lang vorher immer den Kopf auf der Hand abstützte. Es begann eine sehr anstrengende Zeit der genauen Selbstbeobachtung und Reflexion. Hilfe hatte ich dabei, bis auf ein einziges Buch, keine. Wir hatten 2011. Und im Internet war ich sehr zögerlich, was die Freigabe von Informationen anging. Jahrelanges Mobbing hatten mir zu ängstlich gemacht.

Mittlerweile bin ich relativ gut darin zu erkennen, wann sich ein Overload ankündigt.

Eines der ersten und für mich am deutlichsten zu erkennbaren Anzeichen ist eine bestimmte Art von Kopfschmerzen. Früher habe ich noch Schmerztabletten dagegen genommen, aber natürlich wirken diese bei diesen Kopfschmerzen nicht. Auffällig ist dabei die Lokalisierung; Immer irgendwo im Hinterkopf mit einem „drückenden“ Gefühl. Als würde jemand eine Schraubzwinge anbringen. Später kann es sich auch anfühlen wie tausend Nadeln, die in den Kopf gestochen werden. Aber dann bin ich schon kurz vor der Stufe, in der ich selbst aktiv nichts mehr unternehmen kann und definitiv sofort aus der Situation raus muss.
Zusätzlich zu den Kopfschmerzen kommt auch meist eine gewisse Unruhe hinzu. Ich kann mich im beginnenden Overload kaum noch auf die Aufgabe konzentrieren, an der ich eigentlich gerade arbeite. Oder auf das Gespräch, dem ich gerade Folge. Dem Dozenten … einfach allem. Ich nehme zwar dann noch war, dass etwas gesagt wird, nehme die Wörter aber nicht mehr auf oder muss mich enorm auf diese konzentrieren. Die Motorik ist zunehmend gestört. Auch setzt früher oder später ein gewisser Fluchtinstinkt ein. Selbst wenn ich nicht weiß, was genau mich gerade stört, will ich meistens einfach nur noch raus. Die Frage ist, ob es in dem Moment überhaupt möglich ist.

Wenn ich es in dieser Phase noch raus und in eine „sichere“ Umgebung schaffe (meistens ist das meine Wohnung), kann ich mich innerhalb von einer halben Stunde erholen und wieder auf ein halbwegs „normales“ Niveau kommen. Ich kann dann auch schnell wieder ganz normal an meinem Studium arbeiten. Trotzdem muss ich wenigstens für den Rest des Tages und meist auch noch den darauf folgenden enorm vorsichtig sein. Auf einen Overload folgt leider nur zu schnell ein zweiter. Denn der erste Overload hat meistens schon zu viele Ressourcen verbraucht, als dass ich gegen einen zweiten genauso gut ankämpfen könnte.

Was aber, wenn ich aus der Situation nicht raus komme?

Bei mir scheint sich das vor allem darin zu unterscheiden, ob ich möglicherweise handeln muss, oder ob ich mir erlauben kann einfach nichts zu tun und mich in mich selbst zurück zu ziehen.

Muss ich handeln, kommt es meistens zum Meltdown. In dem nehmen die Kopfschmerzen an Intensität zunächst immer weiter zu. Irgendwann setzt dann oft eine unfassbare Wut gegen den auslösenden Reiz oder die ursächliche Situation ein. Z.B. werde ich von einer Wut übermannt, wieso der Professor noch immer so laut reden muss und nicht einfach damit aufhören kann. Logisch rationale Gründe erreichen mich dann nicht mehr. Es muss übrigens nicht immer Wut sein. Verzweiflung ist auch eine bei mir häufige Emotion, so lange ich noch welche spüren kann. Und auch wenn ich hier von Wut spreche, ist es dennoch kein Wutanfall! Normale Wut fühlt sich anders an als die während eines Meltdowns. Zumal, wenn ich wütend bin, will ich in der Regel etwas durchsetzen. Solche Antriebe existieren aber im Meltdown nicht. Meltdowns sind, wie alles im Overload, reine Reaktionen. Keine Aktionen.
Wenn Wut und/oder Verzweiflung hochkommen, lassen auch meistens die Aggressionen nicht lange auf sich warten. Manchmal tauchen diese auch ganz ohne eine Emotion auf. Glücklicherweise sind diese Aggressionen primär gegen mich selbst gerichtet. Auch wenn ich jedem davon abraten würde, mich in dieser Situation irgendwie anzufassen. Dann kann sich die Aggression augenblicklich gegen denjenigen richten (ist meinem Ex einmal passiert, als er mich während eines Meltdowns an den Armen gepackt hat um mich davon abzuhalten, mir gegen den Kopf zu hämmern). Das gegen den Kopf schlagen oder den Kopf gegen die Wand hauen ist dann auch die schlimmste Phase, die ich bislang erreicht habe. In dieser Schreie ich dann meistens auch nur noch. Und zwar so lange, bis die Ursache für meinen Zustand endlich weg ist.

Ja. Für den ein oder anderen mag es vielleicht schwer vorstellbar sein, dass eine 26jährige Studentin mit Bachlor-Abschluss sich so verhalten kann. Aber ich lüge nicht. Meltdowns treten bei mir auf, mit brutaler Gewalt. Es muss nicht immer so weit kommen, wie ich es oben beschrieben habe. Aber die Möglichkeit besteht jedes Mal, wenn der Overload zum Meltdown hin tendiert. Und ich bin ehrlich froh, dass mir das bislang nie in der Öffentlichkeit passiert ist. In der Notaufnahme und während meiner stationären Aufenthalten im Krankenhaus. Wo das Personal nicht entsprechend reagieren konnte. Und wenn schon medizinisches Personal versagt, will ich mich da in die Gefahr begeben, wie Laien auf einen Meltdown bei einer erwachsenen Person reagieren?

Overloads müssen sich aber nicht immer zu Meltdowns steigern. Es kann auch ein Shutdown folgen. Was ich damals bei meinem Erlebnis im Hauptbahnhof geschildert habe, war zum Beispiel einer. In einem Shutdown schalte ich im wahrsten Sinne des Wortes ab. Im Gegensatz zum Meltdown sind da keine Emotionen, und erst Recht keine Aggressionen. Ich werde einfach nur vollständig handlungsunfähig. Denken funktioniert kaum noch. Die Gedanken reißen einfach urplötzlich ab und ich finde dann dorthin auch nicht mehr zurück. Über kurz oder lang verliere ich auch die Fähigkeit zu sprechen. Es ist dann ab einem bestimmten Punkt einfach zu schwierig, überhaupt die richtigen Muskeln zu bewegen. Schriftliche Kommunikation funktioniert länger, aber selbst da muss man mir Zeit lassen. Sämtliche Motorik ist beeinträchtigt. Oftmals kann ich mich auch kaum noch bewegen, geschweige denn laufen. Sinneseindrücke werden ebenfalls nicht mehr so verarbeitet, wie normal. Wieder der Hauptbahnhof, in dem ich vom Stimmgewirr unten in den Gängen quasi nichts mitbekommen habe. Obwohl das sonst für mich absolut unmöglich ist. Schon in viel früheren Phasen übersehe ich leicht Mal ein herannahendes Auto, weil das gesamte Sichtfeld kleiner wird. Sprich, es kann sogar gefährlich für mich werden, im Straßenverkehr Teil zu nehmen.
Wieder gilt, dass ich erst dann beginne aus dieser Starre heraus zu kommen, wenn die Ursache für den Overload weg ist. Doch das braucht alleine auch schon mehrere Minuten, wenn nicht sogar über eine Stunde.

Überhaupt bin ich anschließend noch lange nicht wieder „normal“, wenn der Overload langsam wieder zurück geht. In der Folge bin ich in der Regel vollkommen erschöpft. Deshalb lege ich mich auch oft noch während des Overloads einfach schlafen. Das schlafen wirkt dann wie eine Art Reset. Kein Vollkommener, das Risiko eines erneuten Overloads bleibt auch nach dem Schlafen deutlich erhöht. Aber auch das funktioniert leider nur, solange der Overload „mild“ verlaufen ist. Je heftiger der Verlauf, desto länger die anschließende Erholungsphase und das Schlafbedürfnis.

Wie schon erwähnt, außer die Situation bei beginnendem Overload sofort zu verlassen, kann ich selbst aktiv nichts dagegen tun. Gegen einen Overload anzukämpfen kostet enorm viel Kraft und führt nur zeitweise zum Erfolg. Gerade bei Meltdowns kommt es dann unter Umständen für das Umfeld vollkommen unerwartete Ausbrüche. Was dann aber schlicht nur der Punkt ist, in dem ich es nicht mehr unterdrücken kann. Da ist der Meltdown immer schon deutlich länger. Entsprechend schwierig ist es dann auch für Außenstehende, die Ursache zu erkennen.

Überhaupt, die Ursache für Overloads. Manchmal kommt es immer noch vor, dass ich diese gar nicht selbst benennen kann. Oder auch selbst den Overload nicht rechtzeitig bemerke. Das sind dann auch die Situationen, wo es am ehesten schief läuft. Denn meistens muss ich mich allein unter Beobachtung halten. Es gibt kein Feedback von außen, wann es zu viel wird. Und selbst geübte Beobachter erkennen einen Overload erst deutlich später als ich selbst.

Und so bin ich auch oft mit Angst unterwegs. Was, wenn ich einen Overload nicht rechtzeitig bemerke? Was, wenn dieser zum Meltdown wird? Mitten in der Öffentlichkeit, ohne Rückzugsmöglichkeit? Ich will nicht eines Tages deswegen in die Psychiatrie gebracht und mit Medikamenten ruhig gestellt werden, weil keiner versteht, dass ich eigentlich nur nach Hause kommen müsste. Um dort runter zu kommen.

Überhaupt schäme ich mich nach einem überstandenen Meltdown nur allzu oft für mein Verhalten. Bei Overloads und Shutdowns hingegen nicht. Weil ich immer denke, dass ich doch anders hätte handeln müssen. Anders reagieren. Nur genau das funktioniert im Overload nicht. Wie gesagt, der Stock ist im Getriebe und legt mehr und mehr Zahnräder lahm. Ich kann mein Handeln im Overload nur am Anfang noch logisch-rational bestimmen. Danach setzen sich andere Dinge durch, die ich eben nicht mehr beeinflussen kann. Doch wer würde das schon bei einer erwachsenen Person akzeptieren? Genau deshalb gehe ich an manchen Tagen noch nicht Mal vor die Tür, wenn ich schon am frühen Morgen die Anzeichen eines Overloads bei mir bemerke.

Ich hoffe, meine Ausführungen hier waren einigermaßen verständlich. Einen Zustand zu beschreiben, in dem im Kopf nur noch Chaos herrscht und kaum etwas klar ist, ist auch außerhalb dieses enorm schwer. Wie gesagt, wenn etwas unklar ist, stellt ruhig Fragen! Ich werde auf jeden Fall versuchen, sie zu beantworten.

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5 Kommentare zu „Overload-Meltdown-Shutdown

  1. Vielen Dank für Beschreibung. Mein Sohn, 14, frühkindlicher, beschreibt es auch so. Leider wird es von vielen Lehrern als schlechtes Benehmen beschrieben, als mein Sohn das Klassenzimmer verlassen wollte. Er wollte sich nur schützen. Uns Eltern wurden Erziehungsfehler vorgeworfen. Die Schule glaubten weder der Schilderung unseres Sohnes, hauptsächlich auch wegen der Kopfschmerzen, nicht. Leider schlug unser Sohn seinen Kopf immer mit voller Wucht an den Kopf des Betreuers, als er ihn hinderte den Klassenraum zu verlassen. Das Fazit ist, dass er mittlerweile seit einem Jahr zuhause ist. Er bekam von der Schule, einem HPZ, einen Schulausschluss aus Sicherheitsgründen des Petsonals. Wegen des falschen Handelns vom Schulbegleiter (auf Anweisung der Lehrerin und) mit Rückhalt der Rektorin muss unser Kind zuhause bleiben. Das ist an Ungetechtigkeit und Heuchelei nicht zu Überbieten. Leider.

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    1. Allerdings 😦 Hätten sie nicht eingegriffen, wäre das wahrscheinlich gar nicht erst so passiert. Und eigentlich sollte man euren Sohn dafür loben, dass er es selbst erkenne kann! (Ich konnte das mit 14 noch nicht). Das ist wirklich schlicht ungerecht.

      Leider scheint es ja generell öfters vorzukommen, dass Autisten wegen Overloads/Meltdowns oder anderen Problematiken schnell von der Schule ausgeschlossen werden, obwohl man einfach nur andere Rahmenbedingungen schaffen könnte. Da ist mein Ausschluss von der Abschlussfahrt in der Oberstufe nichts gegen …

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