„Verschlossen und hochbegabt“ und irgendwie am Thema vorbei

Am 8. November 2017 veröffentlichte die Zeit einen Artikel über „geniale TV-Autisten“. Wer den Artikel selbst lesen möchte, findet ihn hier. Ich muss diesen Artikel jedoch leider Mal gründlich kritisieren.

Ich setze hier „geniale TV-Autisten“ nicht umsonst in Anführungszeichen. Es werden hier direkt zu Beginn des Artikels folgende Charaktere benannt

  • Raymond Babbit aus Rain Man
  • Dr. Dr. Sheldon Lee Cooper aus The Big Bang Theory
  • Sam aus Atypical

Und damit hat der Artikel direkt zu Beginn leider schon Mal komplett daneben gegriffen. Raymond Babbit, ist zwar Autist, aber seine Eigenschaften als Savant stehen in der Darstellung im Film eindeutig im Vordergrund. Zu Sheldon Cooper gibt es keine Aussage bezüglich der Autoren. Wäre Sheldon Autist, wäre er zudem eine sehr klischeehafte Figur. Deshalb wäre es mir ehrlich lieber, wenn man bei dieser Zuschreibung vorsichtig wäre. Auch wenn sich mancher Autist mit ihm identifizieren kann, heißt es noch lange nicht, dass Sheldon selbst Autist sein muss. Ich zum Beispiel konnte mir sehr gut in die Figur des Adrian Monk hinein versetzen. Der ist aber vor allem eine Überzeichnung von Zwangsstörungen und Phobien und definitiv kein Autist.

Die einzige Serienfigur, die definitiv und einen Autisten (und nur einen solchen) darstellen soll, ist Sam. Ich gestehe, dass ich die Serie Atypical immer noch nicht selbst gesehen habe. Doch nach dem, was ich auf Twitter aufschnappe, ist auch er eine klischeehaft überzeichnete Figur. Immerhin handelt es sich bei Atypical um eine Comedy. Und somit findet die vielleicht noch am ehesten der allgemeinen Realität entsprechende autistische Figur hier nur wenig anklang unter den Autisten selbst.

Weiter heißt es, sie alle hätten ein spezielles Talent. Hier wird Sams Talent damit benannt, dass er alles über Pinguine weiß, was wissenschaftlich bekannt ist. Definitiv ein Spezialinteresse. Doch der Begriff wird in diesem Artikel unterschlagen. Und wofür Sam dann den Nobelpreis bekommen soll, entzieht sich auch meinem Verständnis. Zumal nicht jeder Autist ein Supertalent besitzt. Hier wird also nur einmal das Klischee der seltsamen Genies breit getreten.

Der nächste Absatz beschäftigt sich dann damit, weshalb autistische Charaktere so beliebt seien. Es wird folgendes Fazit gezogen; Der Autist sei der Held unseres kapitalistischen Zeitalters. Er dürfte gewissenlos narzisstisch, unsozial und erfolgsgeil sein und sich einzig auf sein geistiges Kapital konzentrieren.

Dieser Satz ist für mich als Autist ziemlich verletzend. Selbst wenn bekannt ist, dass ich Autist bin, darf ich mich eben nicht narzisstisch, erfolgsgeil und unsozial verhalten. Allein auf meine Fähigkeiten konzentrieren kann und darf ich mich auch nicht. Sozialer Umgang wird immer erwartet, selbst bei bekannter Diagnose. Diese Erfahrung macht so ziemlich jeder Autist. Eckt man sozial an, wird nicht etwa wohlwollend darüber hinweg gesehen, sondern knallhart die Konsequenzen gezogen und der Autist ausgegrenzt, wenn nicht sogar gemobbt. Narzisstisch ist dann leider wieder eines der Vorurteile, die Autisten ständig über den Weg laufen. Unsozial kann man ja noch aufgrund der für die Diagnose entscheidenden Probleme im sozialen Bereich nachvollziehen, aber narzisstisch? Kein Diagnosekriterium, wieder nur dazu gedichtet. Dasselbe gilt übrigens für erfolgsgeil. Es wird hier suggeriert, dass Autisten einzig und allein die Karriere wichtig wäre. Das mag vielleicht für manche überzeichnete Klischeecharaktere zutreffen. Doch wohl kaum für die Autisten des echten Lebens.
Dieses Fazit geht folglich komplett an der Realität der Autisten vorbei.

Und dann die Unterstellung, der Fernsehzuschauer würde den Autisten beneiden. Weil es einfacher sei, sich einzig auf sich selbst konzentrieren zu dürfen und keine Gefühle zu haben. Ja, wäre auch für echte Autisten manchmal einfacher. Doch leider dürfen wir uns genauso wenig auf uns allein konzentrieren. Ständige Kompensation und Schauspiel sind da die Zauberwörter. Und Gefühle haben wir ebenfalls. Manche von uns können sie nicht richtig erkennen und beschreiben, doch das kommt bei Nicht-Autisten genauso vor.  Es werden also einmal mehr die Klischees beneidet. Nicht die echten Autisten.

Auch der letzte Abschnitt verzichtet nicht darauf, an der Realität vorbei zu gehen. So dürften die autistischen Genies eben doch nicht ganz gefühllos sein und müssten sich verlieben. Weil man müsste sich noch immer mit ihnen wohlfühlen können. Wie es geschrieben wird klingt es, als könnten sich Autisten überhaupt nicht verlieben. Auch wieder an der Realität vorbei und einem Klischee aufgesessen.

Und ironischer Weise gilt der Schlusssatz genauso gut für den gesamten Artikel.

So weit an der unbequemen Realität vorbei wie nur möglich.

Es mag zwar sein, dass man sich hier mit Seriencharakteren beschäftigt.  Doch es hätte dem Artikel sicherlich gut getan, die Fiktion besser heraus zu arbeiten. Mehr zu betonen, dass es eben nur fiktionale Charaktere sind, die mit der Realität der Autisten nur wenig zu tun haben. Zumal, wie gesagt, nur einer der genannten drei Charaktere ist überhaupt Autist.

Bei solchen Artikeln ist es leider auch nicht verwunderlich, wieso wir immer wieder mit Klischees konfrontiert werden … es bleibt nur zu hoffen, dass möglichst viele den Unsinn hier erkennen und den Artikel nicht auf echte Autisten projezieren.

Wie gesagt. Eine Hoffnung.


Edit: In einer ersten Version habe ich leider fälschlicher Weise behauptet, dass Raymon kein Autist sei, sondern Savant. Die Figur ist beides, basiert aber auf Kim Peek, der kein Autist, sondern nur Savant war. Entschuldigt bitte diesen Fehler und Danke nochmals an fotobus für den Hinweis!
(Raymon bleibt aber dennoch eine unrealistische Figur 😉 )

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7 Kommentare zu „„Verschlossen und hochbegabt“ und irgendwie am Thema vorbei

  1. ‚tschuldigung, ich stehe gerade auf dem Schlauch (RW).
    Ich lese den Zeit-Artikel als Medienschelte, als Kritik an der Art und Weise wie ein ganzer Menschenschlag karikiert wird und auf der Bühne dem daumenlutschenden Publikum als Hans Wurst der Moderne vorgeführt wird. Der Artikel von Frau Thör listet sorgfältig alles auf, was die Medien im Allgemeinen und Film & Fernsehen im Besonderen in unschöner Regelmäßigkeit an Vorurteilen und Oberflächlichkeiten über Autisten produzieren und großflächig verteilen. Diese Liste der Scheußlichkeiten wird sauber analysiert und seziert, soweit das in der Kürze der Zeilen möglich ist.
    Ein feiner Artikel, der die Medien verdient für das generierte Zerrbild abwatscht.
    Ihre Kritik an dem Artikel kann ich so gar nicht nachvollziehen, aber ich fühle mich zur Diskussion eingeladen.

    Gefällt mir

    1. Ich finde in dem ZEIT-Artikel keine Stelle, die sich an die Medien richten würde. Eine herablassende, arrogante Positionierung gegenüber Menschen, die vermeintliche Autisten „anhimmeln“, weil es denen so gut gehe, hingegen wesentlich eher. Frau Thör hat bei mir schon durch das bloße Erwähnen von „Rain Man“ jegliche Vermutung von Empathie ihrerseits gegenüber Autist*innen widerlegt. Wer sich auch nur im geringsten und oberflächlichsten mit der Situation von Autist*innen in der Gesellschaft befasst hat, der muss nun wirklich mitbekommen haben, dass „Rain Man“-Referenzen auf alle Autist*innen, die nicht (wie es in der FAZ mal stand) am Kronleuchter hängend masturbieren oder sonstwie nichts von der Sicht der Gesellschaft auf sie und ihresgleichen mitbekommen, wirken wie ein (bildhafter Vergleich, sorry) rotes Tuch, das zudem mit Pheromonen behandelt wurde, auf einen Stier in einer Stierkampfarena, der zudem seit Woche Aufputschmittel gefüttert bekommen hat und schon vor der Öffnung der Tore nicht mehr weiß, was und wo er ist… Dass Frau Thör von der Materie nicht den blassesten Hauch einer Ahnung hat, (und dass ihr das für ihre Zwecke, ein lustiges Füllerchen zur aktuellen Kultur zu produzieren, ziemlich gleichgültig ist) unterstreicht sie merklich damit, dass sie den 29 Jahre alten *KINO*-Film „Rain Man“ in ihrer Glosse über heutige *TV*-Autisten heranzieht… Sollte die Thörsche Glosse mit irgendwem oder irgendwas Empathie oder auch nur rein verstandesmäßiges Nachvollziehen der Situation anderer Menschen zum Ausdruck zu bringen versuchen – wovon ich nicht wirklich auszugehen geneigt bin! -, so wäre das einer der verunglücktsten Versuche aller Zeiten… Oh, und da ja unsere intellektuelle Elite mit ihrem vermeintlichen analytischen Scharfsinn, über den Wassern der Gesellschaft schwebend, so von geschliffenen Wortspielen schwärmt, ich hätte da noch eines für die Zeit-Autorin: Der Artikel war so überflüssig wie „thöricht“…

      Gefällt 2 Personen

    2. Aus der Perspektive habe ich es ehrlich gesagt noch gar nicht betrachtet. Vielleicht hat es auch etwas mit Erfahrungswerten zu tun, dass ich den Artikel nicht so sehen kann. Die Frage wäre hier eindeutig, was die Intention der Autorin war. Wenn es die Kritik an den autistischen Figuren war, dann habe nicht nur ich als Autistin das nicht so sehen können. Und ehrlich, gefühlt wäre sie auch die erste, die tatsächlich die Darstellung von Autisten in Serien derart heftig kritisiert.
      Aber müsste man nicht gerade dann den Artikel so formulieren, dass Autisten selbst dieser Kritik auch verstehen können?

      Gefällt 4 Personen

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