Autisten? Die können doch nicht auf Regelschulen …

In den letzten Tagen kommt es einem fast so vor, als würde eine mediale Kampagne gegen uns Autisten laufen. Da kommen Prominente mit Verwendung von Autismus in vollkommen falschen Kontext, werden Regisseure zitiert, die den Begriff ebenso falsch verwenden … und zum krönenden Abschluss noch ein Bericht der SZ über Autisten an Regelschulen. Gespickt mit Fallbeispielen und Interviews von betroffenen Autisten.

Ehrlich, an manchen Tagen möchte man sich nur in eine Ecke kriechen und fragt sich, wofür man eigentlich die ganze Zeit kämpft.

Der Artikel ist schon im ersten Absatz einfach nur Horror. Er skizziert genau die Klischees, die bei der Diskussion der Inklusion Autisten immer wieder vorgehalten werden. Verstummen statt mitmachen. Schreien statt zuhören. Beißen, grundlose Gewalt. Können sich nicht ins System einfügen.

Wieso überhaupt unbedingt ins System einfügen? Denn genau da sehe ich den Knackpunkt. Man verlangt zum Teil von Autisten in Schulen dasselbe, als wenn man von einem Rollstuhlfahrer verlangen würde, eine Treppe zu bezwingen. Nur während man es beim Rollstuhlfahrer akzeptiert, dass er die Treppe niemals hoch kommen wird, werden dem Autisten nur Vorwürfe gemacht. Er solle sich doch zusammen reißen, sich nicht so anstellen. Geht nun Mal nicht anders …

Und dann der Satz, dass an Regelschulen, wenn überhaupt(!), nur Asperger-Autisten anzutreffen wären. Woher kommen diese Zahlen? Und wieso reitet man schon wieder auf einer Unterteilung herum, die mit der nächsten ICD abgeschafft wird? Es scheint manchmal, als würden wir uns im ewigen Gestern bewegen. Während wir Autisten unter uns meistens kaum noch darunter unterscheiden, ob wir jetzt mit einer F84.0, F84.5 oder was auch immer diagnostiziert worden, vertieft man hier nur das Klischee der ewig „leichter“ betroffenen Asperger-Autisten.

Es werden Zahlen von 0,6 bis 0,7 % genannt, was den Anteil der Autisten unter der allgemeinen Bevölkerung angeht. Seltsam, dass wir bei uns immer von 1% sprechen. Runden wir etwa nur? Oder stammt etwa auch diese Zahl direkt von Autismus Deutschland, die weiter unten zitiert werden. Mit einer Vorstandsvorsitzenden, die erst einmal betont, dass die Lehrer in der Regel keine Schuld hätten.

In der Regel keine Schuld? Ich möchte bezweifeln, dass eine solch pauschaler Freispruch ebenso richtig ist wie eine pauschale Verurteilung. Manchmal sind es gerade die Lehrer, die sich schon bei kleinen, leicht umsetzbaren Maßnahmen quer stellen. Keine Tafelvorträge? Dann gibt es eben eine schlechte mündliche Note, weil ich diese ja gar nicht bewerten kann. 5 Minuten vor die Tür? Schlechte mündliche Note, in der Zeit kann ich ja die Leistung nicht beurteilen. Alleine Gruppenarbeiten machen? Nein, man muss doch mit anderen zusammen arbeiten können … nur um Mal ein paar Beispiele zu nennen, die ich selbst in meiner Schullaufbahn erlebt habe. Alles Kleinigkeiten, die bestimmt umsetzbar gewesen wären. Die Lehrer haben sich geweigert. Und mich damit unter einen Druck gesetzt, der nicht nötig gewesen wäre. Auf den ich entsprechend reagierte … Wer wurde sanktioniert? Nicht die Lehrer. Ich war es.

Ich möchte nicht wissen wie viele Autisten dort draußen an den Regelschulen sind, denen es ähnlich geht. Deren Eltern um jede einzelne Maßnahme gegen alle Widerstände kämpfen müssen, um ihr Kind an der Regelschule zu halten. Die genau sagen können wie es laufen muss, damit ihr Kind zurecht kommt. Und die ignoriert werden. Ich erinnere mich nur an einen Fall eines Autisten, der seit Monaten nicht zur Schule geht, nachdem er einen Meltdown hatte (ich glaube da ehrlich gesagt eher dem Kind als dem Schulbegleiter …).

Überhaupt, Schulbegleiter. Es wird manchmal so getan, als seien die die einzige Lösung. Wenn es mit Schulbegleiter nicht funktioniert, dann kann der Autist definitiv nicht auf die Regelschule. Aber was ist, wenn das Problem der Schulbegleiter selbst ist? Was sind überhaupt für Schulbegleiter an deutschen Schulen unterwegs? Oft auch ungelernte Kräfte, die sich mit Autismus kaum auskennen und Learning-by-Doing betreiben müssen. Und selbst wenn sie schon einmal mit Autisten gearbeitet haben gibt es solche, die sich dann für die absoluten Experten halten und die Empfehlungen der Eltern bezüglich ihres eigenen Kindes ignorieren. Kennst du einen Autisten, kennst du einen. Wenn das Mal alle beherzigen würden, wären wir schon einen entscheidenden Schritt weiter …

Ich will nicht abstreiten, dass es große Probleme mit Autisten an Regelschulen gibt. Aber dieser Artikel liest sich so, als seien die Kinder das Problem. Dass es insgesamt an den Schulen mehr Mittel braucht, wird in vielleicht einmal einem Satz erwähnt. Dass man sich, um Autisten eine optimale Umgebung zu bieten, von manchen festgefahrenen Vorstellungen bezüglich zu erbringender Leistung verabschieden muss, steht nirgends. Und ein großes Problem sind die überall herrschenden Klischees. Klischees wie eben der ewig schreiende, beißende Autist. Oder der Autist, der nur stumm in der Ecke sitzt und nicht mitarbeitet. Ich höre immer wieder von Schulen, die Schüler allein aufgrund einer Autismus-Diagnose ablehnen. Teilweise sind es sogar Förderschulen (!!!). Wollen wir hier nicht. Bringt nur Probleme. Dafür sind wir nicht zuständig. Meine Mutter war verdammt mutig, dass sie im Jahr 2002 mit meiner Diagnose direkt zum Schulleiter ging, der zum Glück offen für die Thematik war. Ein solches Glück haben nicht alle.

Und dann kommt die SZ zeitlich mit einem weiteren Artikel, in denen von 4 Fällen berichtet wird, in denen es nicht funktioniert hat. Ich frage mich nur; Wieso hat es in diesen Fällen nicht funktioniert? Wenn man genau ließt, fällt aber eines in allen Fällen auf; Unwille der Lehrer, offensichtlich falscher Umgang mit Autisten (einen Autisten im Overload oder sogar schon Meltdown anfassen zu wollen oder sogar festzuhalten ist eine denkbar schlechte Idee …), Mobbing durch Mitschüler … alles Dinge, gegen die etwas unternommen werden könnte. Wenn die Lehrer wollten. Wenn die nötigen Mittel bereitgestellt werden würden.

Wie gesagt. Ich weiß, dass puncto Inklusion an den Regelschulen vieles falsch läuft. Was dort seitens der Politik versucht wird, ist keine Inklusion. Inklusion lässt sich nicht als Sparmaßnahme im Bildungssystem realisieren. Es reicht eben nicht, die Kinder aus der Förderschule zu nehmen und einfach in der Regelschule in den Klassenraum zu setzten.

Und trotzdem bereitet mir speziell dieser Artikel Bauchschmerzen. Wieso listet man nur negative Fälle auf? Damit es nur noch verstärkter heißt, dass Autisten doch bestimmt nicht an den Regelschulen unterrichtet werden können? Was ich mir gewünscht hätte, wäre ein Gleichgewicht. Zwischen Fällen, wo es schief gelaufen ist, und Fällen, wo es funktioniert hat. Damit eben genau das sichtbar ist. Wann es definitiv schief läuft, und unter welchen Bedingungen es funktionieren kann. Damit die Vorstellungen eben aufgebrochen werden, statt weiterhin bestärkt.

Vielleicht bin ich etwas vorbelastet. Doch jedes Mal, wenn ich solche Artikel lese, denke ich auch; Was ist bitte mit den Autisten, die ohne Diagnose an der Regelschule waren, und erst als Erwachsene diagnostiziert wurden? (Dabei zähle ich noch nicht einmal selbst so wirklich zu denen.) Fälle, in denen es ebenfalls irgendwie funktioniert hat. Vielleicht mit Schwierigkeiten. Vielleicht mit Dingen, die besser hätten laufen können. Doch mit einem ordentlichen Schulabschluss am Ende. Und einer Chance.

Ja, der Umgang mit Autisten kann schwierig sein. Aber das wird er auf jeden Fall, wenn man sich nicht auf sie einlässt. Wenn man ihre Bedürfnisse nicht akzeptiert. Wenn man sie immer dazu drängt, möglichst normal zu sein. Oder in klischeebehaftete Schubladen steckt und abschließt.

Können wir es uns auf Dauer leisten, 1% der Schüler/Schülerinnen einfach abzuschieben? Nur, weil sie nicht so sind, wie es die Umwelt von ihnen erwarten?

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4 Kommentare zu „Autisten? Die können doch nicht auf Regelschulen …

  1. Ich bin ja eine so „leicht“ betroffene Autistin, dass ich es zwar ohne Diagnose gut durch die Schule geschafft habe – und trotzdem (rückwirkend) seit 1994 als „mittelgradig“ und ab 2012 als „schwer“ eingeschränkt vom Gutachter angesehen wurde…
    Und ich glaube, heute käme ich in der Schule schlechter klar als noch in meiner eigenen Schulzeit, die aber schon vor mehr als 10 Jahren vorbei war. Klar gab es Referate und Gruppenarbeiten, aber nicht in diesem Ausmaß wie heute. Und ich hatte eine relativ „nette“, lernfreudige Klasse und größtenteils ordentliche bis sehr gute Lehrer.

    Aber was heute als „Inklusion“ verkauft wird, ist halt einfach in vielen Fällen nur eine Sparmaßnahme 😦 Zu Lasten von Lehrern und Schülern und in der Folge auch Eltern.

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  2. zum Thema Schulbegleiter: in einer Gruppe für gebrauchte Bücher suchte jemand Bücher über Autismus, weil er eben ein Kind betreuen sollte, das Autist ist.
    Ich habe dann vorgeschlagen, das Gespräch mit den Eltern und wenn es geht mit dem Kind zu suchen, war dann die betroffene Person, welche die Bücher suchte, irritiert – sie kann noch so viele Bücher zu lesen, die ihr alle nicht helfen werden, wenn sie das Kind nicht mit einbezieht, weil nur weil ein Buch was zu dem Thema meint, muss es doch nicht alles zu treffen
    verstehen leider nicht viele 😦

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  3. „Was ist bitte mit den Autisten, die ohne Diagnose an der Regelschule waren, und erst als Erwachsene diagnostiziert wurden? (…) Fälle, in denen es ebenfalls irgendwie funktioniert hat.“

    Um hier auch positive Fälle zu erwähnen: Solche Fälle gibt es – allein in unserer Familie zwei davon. Es war nicht immer leicht, aber es hat funktioniert – irgendwie: https://silkewanningerbachem.wordpress.com/2017/10/20/zum-online-artikel-gefaehrdete-inklusion-der-umgang-mit-asperger-autismus/

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