Sind wir behindert?

Vor einigen Tagen las ich auf Twitter folgendes

Vielleicht bin das nur ich, aber in mir krümmt sich jedes mal alles zusammen, wenn Autismus als Behinderung bezeichnet wird.

Nope. Nicht nur du.

Tatsächlich ist das eine Frage, die ähnlich wie der Krankheitsbegriff, beim Thema Autismus öfters auftaucht. Handelt es sich bei Autismus per se um eine Behinderung?

Von offizieller Seite, das heißt der Versorgungsmedizinverordnung, sieht es bezüglich Autismus wie folgt aus:
(GdS = Grad der Schädigungsfolgen. Mag hier nicht passend sein, doch für den GdB findet sich dieselbe Einteilung)

3.5.1 Tief greifende Entwicklungsstörungen (insbesondere frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus, Asperger-Syndrom)
Bei tief greifenden Entwicklungsstörungen
– ohne soziale Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 10 – 20.
– mit leichten sozialen Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 30 – 40.
– mit mittleren sozialen Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 50 – 70.
– mit schweren sozialen Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 80 – 100.
Soziale Anpassungsschwierigkeiten liegen insbesondere vor, wenn die Integrationsfähigkeit in Lebensbereiche (wie zum Beispiel Regel-Kindergarten, Regel-Schule, allgemeiner Arbeitsmarkt, öffentliches Leben, häusliches Leben) nicht ohne besondere Förderung oder Unterstützung (zum Beispiel durch Eingliederungshilfe) gegeben ist oder wenn die Betroffenen einer über das dem jeweiligen Alter entsprechende Maß hinausgehenden Beaufsichtigung bedürfen. Mittlere soziale Anpassungsschwierigkeiten liegen insbesondere vor, wenn die Integration in Lebensbereiche nicht ohne umfassende Unterstützung (zum Beispiel einen Integrationshelfer als Eingliederungshilfe) möglich ist.
Schwere soziale Anpassungsschwierigkeiten liegen insbesondere vor, wenn die Integration in Lebensbereiche auch mit umfassender Unterstützung nicht möglich ist.
Quelle: BMAS, aufgerufen am 06.08.2017

Wie man sieht, ist man aus offizieller Sicht als Autist wenigstens nicht automatisch schwerbehindert. Wenigstens nicht in der Verordnung, die seit 2009 gilt. Vorher bedingte eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum einen GdB von wenigstens 50. Übrigens ist alles ab einem GdB von 50 offiziell eine Schwerbehinderung. Wieso das 2009 geändert wurde, kann und möchte ich hier nicht diskutieren. Vielleicht wollte man dem Aspekt gerecht werden, dass Autisten unterschiedlich stark eingeschränkt werden. Oder einmal mehr zu unseren Lasten kosten Sparen. Vielleicht aber auch beides …

Interessant bleibt aber, woran sich hier die Beurteilung hauptsächlich bemisst; An den sozialen Anpassungsschwierigkeiten des Autisten. Wenn also ein Autist nun gut Kompensieren kann und somit in der Außensicht weniger Probleme hat, wird ihm dann nicht ein geringerer Grad zugebilligt als demjenigen, der deine Probleme offensichtlicher zeigt? Unabhängig davon, ob vielleicht der erste Abends vollkommen erschöpft ins Bett fällt und erst zu Hause die Anstrengung der Kompensation zu spüren bekommt und zeigt? Ich lese tatsächlich auch gerne Mal von Fällen, in denen aufgrund einer beruflichen Laufbahn Autisten nur ein geringer Grad zugestanden wird. Teilweise direkt mit dem Argument, der Autist sei „zu erfolgreich“, als dass die Einschränkungen glaubhaft wäre (ein realtiv aktueller Fall findet sich hier auf Twitter. Eine andere seltsam zu lesende Begründung schildert Hobbithexe hier). Nun widerspricht aber genau eine solche Denkweise direkt der Idee der Inklusion. In einer tatsächlich inklusiven Umgebung, in der man auf das Individuum mit seinen Stärken und Schwächen eingeht, kann man eben auch mit einer Schwerbehinderung sehr erfolgreich sein. Nur wenn dieser Erfolg dann vorliegt, ist der inkluierte dann automatisch weniger beeinträchtigt? Wäre der Erfolg immer noch genauso gegeben, wenn man ihn oder sie aus der für ihn idealen Umgebung herausreißen und in eine zutiefst behindertenfeindliche Stecken würde, in der der Betroffene selbst zusehen muss, wie er oder sie zurecht kommt? Ich denke nicht. Nur braucht es an einigen Stellen immer wieder gerade den Status als Schwerbehinderten, um die notwendige Unterstützung aufrecht zu erhalten. Nicht nur bei Autisten. Die Logik hier soll mir hier doch bitte Mal jemand erklären.

Vielleicht liegt es auch an dem allgemeinen Bild was die Leute vor Augen haben, wenn man von einem „Menschen mit Behinderung“ spricht. Mal ehrlich, die meisten denken da doch noch immer an einen Rollstuhlfahrer. Oder an blinde oder gehörlose Menschen. An Autisten aber sehr selten. Dasselbe Problem besteht bei psychisch kranken und dadurch behinderte Personen. Auch an sie wird bei dem Begriff Behinderung seltener gedacht, und umgekehrt ihre Probleme nicht ernst genommen. Man denke nur an die viel genannten Sätze „Stell dich nicht so an!“ und „Reiß dich Mal zusammen!“. Diese spiegeln leider auch nur das allgemeine Unverständnis wieder, was in der Gesellschaft bezüglich unsichtbarer Behinderungen herrscht. Bei uns wird die Einschränkung immer wieder in Frage gestellt, worüber Koshiko neulich erst schrieb.

Und eben das ist für mich der Knackpunkt bei der Frage, ob Autismus eine Behinderung ist oder nicht. Wir leben leider in einer Gesellschaft, in der kaum Wissen über Autismus vorhanden ist und in der man auf unsere Bedürfnisse so gut wie keine Rücksicht nimmt. Wir sind es, die irgendwie darin zurecht kommen müssen. Komme was wolle. Wir als Autisten werden von der Gesellschaft dadurch massiv behindert. Weil es nicht generell möglich ist, Arzttermine auch einfach per E-Mail zu vereinbaren. Generell dieser ständige Zwang zur direkten Kommunikation an stellen, wo eine schriftliche sicherlich genauso gut möglich wäre. Das Fehlen von Ruheräumen an diversen Universitäten und in anderen öffentlichen Gebäuden. Fehlende Rücksichtnahme von Mitreisenden in der Bahn, wo es noch nicht einmal in allen Zugtypen Ruheabteile gibt. Auf dem Arbeitsmarkt haben wir deutlich schlechtere Chancen und werden diskriminiert. Schulbegleiter müssen von den Eltern immer und immer wieder hart erkämpft werden, wechseln ständig und erhalten dazu noch kaum die Anerkennung, die ihre Arbeit verdient. Die Aufzählung ist hier noch nicht einmal abschließend. Und alles würde auch nicht nur uns Autisten zugute kommen, würde man sie umsetzten. Aber in Zeiten, wo selbst beim barrierefreien Bau von öffentlichen Gebäuden immer noch geltende Vorschriften wissentlich ignoriert werden, behindert man uns lieber weiter massiv und verlangt, dass man sich zusammenreißen soll. Die Anstrengung, die das aber kosten würde, wird ebenso ignoriert.

Und genau deswegen sehe ich Autismus auch tatsächlich als Behinderung. Zum einen aufgrund der Probleme, die der Autismus im Kontakt mit der Gesellschaft immer wieder mit sich bringt. Auch wenn diese pimär tatsächlich von der Gesellschaft selbst ausgehen, nicht von uns Autisten. Würde man auf unsere Bedürfnisse Rücksicht nehmen und diese anerkennen, wäre das Leben vieler von uns sicherlich um einiges leichter. Doch eben für diese Anerkennung der Bedürfnisse scheint es leider nötig, Autismus auch tatsächlich als Behinderung zu benennen. Ansonsten werden die Bedürfnisse schlicht weiterhin ignoriert und/oder marginalisiert.

Zu guter Letzt ist jedoch einmal mehr interessant, wer hier eigentlich dagegen ist, dass Autismus als Behinderung bezeichnet wird. Bei diesen beiden Twitterern handelt es sich (soweit ich das hier überschauen kann) um NTs, nicht um Autisten. Womit wir wieder bei der Frage wäre, wieso eigentlich andere darüber diskutieren, wie man uns bezeichnet. Ohne uns überhaupt direkt zu fragen. Grundlegende Argumente für die Abneigung war in diesem Fall übrigens, dass der Begriff „Behinderung“ stigmatisierend sei. Doch der Begriff „Autismus“ ist es durch den zunehmenden Missbrauch und ein vielfach falsches Bild mindestens ebenso, wie innerhalb der Diskussion @mundpilz schon passend anmerkte. Das zweite, sogar noch eher genannte Argument; Im Internet seien Autisten kaum von Nicht-Autisten zu unterschieden. Nur der persönlich Kontakt sei erschwert. Womit einmal mehr jemand Autismus auf einen Aspekt beschränkt und zudem noch große Teile des Alltags ausgeklammert hat. Ganz ehrlich. Das empfinde ich einmal mehr schlicht als ignorant. Auch wenn die Verfasserin später immer wieder beteuerte, sie wollte uns nichts absprechen …

Wenn ich meinen Autismus Grund der Behinderung durch die Gesellschaft erlebe, dann möchte ich ihn auch als Behinderung bezeichnet wissen. Alles andere wäre schlicht und einfach eine Beschönigung der Tatsachen und Verharmlosung Probleme sehr vieler Autisten, nicht nur meiner eigenen. Dass man uns dadurch leider durchaus noch noch mehr Probleme macht, scheinen leider die wenigsten zu beachten.

 


Übrigens habe ich seit Januar (!) selbst einen Antrag auf Anerkennung eines Grads der Behinderung am laufen. Nach dem letzten ärztlichen Gutachten habe ich eine „mittelgradige soziale Anpassungsstörung“, in einem neuerem ärztlichen Dokument tauchte sogar Mal eine „schwere soziale Anpassungsstörung“ auf. Es bleibt abzuwarten, welchen Wert man mir zuweisen will …

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4 Kommentare zu „Sind wir behindert?

  1. „Grundlegende Argumente für die Abneigung war in diesem Fall übrigens, dass der Begriff „Behinderung“ stigmatisierend sei.“ Da gab’s vor einer Weile im amerikanischen Twitter mal ne nette Hashtag-Aktion: #saytheword. Initiiert, glaube ich, vom Dominick Evans, einem autistischen Aktivisten im Rollstuhl. Es ging darum, den Leuten abzugewöhnen, ständig Euphemismen für „behindert“ zu verwenden, wie „differently abled“ oder „special needs“, sondern eben einfach zu sagen, was man meint: Jemand ist oder wird behindert. Die Begründung war, der Begriff sei ja nur deswegen so stigmatisierend, weil die Leute ständig Euphemismen benutzen und damit den Eindruck vermitteln, eine Behinderung sei etwas, dessen man sich schämen müsste und eben auch drumrum reden müsse. Wer inklusiv denkt, sieht behindert sein nicht als etwas inhärent schlechtes und macht das durch den Gebrauch des Wortes, wenn es angebracht ist, deutlich.

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  2. Die Denkweise, dass jemand weniger oder nicht behindert ist, nur weil er einen Arbeitsplatz hat und integriert ist, ist doch dusselig. Die Behinderung verschwindet deswegen ja nicht!
    Beispiel: als ich in der Stadtverwaltung gearbeitet habe, hat in dem einen Amt eine blinde Frau gearbeitet. Die ist deswegen doch aber nicht weniger blind und braucht deswegen ja trotzdem nicht weniger Hilfe, nur weil sie voll integriert ist und ’normal‘ arbeitet. Da ist das verständlich und da würde keiner den Leuten das absprechen, weil es ja offensichtlich ist.
    Aber bei psychischen Problemen (ich verallgemeiner das mal), die man nicht sieht, teilweise auch einfach nicht nach außen tragen will, weil es einen unangenehm ist oder man einfach nicht weiß wie man sie vermitteln soll. Nur weil ich vielleicht 8 Stunden auf arbeit funktioniere, heißt es doch nicht, das ich dann nach Feierabend noch top fit bin und alles weitere kann. Wie du halt schon schreibst. Man betrachtet einfach nicht alles, sondern nur einen Teil und darin liegt das Problem. Und ein weiteres Problem ist einfach, dass man unterscheidet zwischen Körperlichen oder psychischen Dingen. Ich mein jemand mit bsp einer schweren Depression hat genauso Probleme im Alltag wie jemand der im Rollstuhl sitzt. Nur sehen das leider Gottes die Ämter nicht. und das muss sich ändern.
    *Tee hinschieb*

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  3. Ich persönlich sehe Autismus eher nicht als Behinderung an. Laut meiner eigenen Definition ist Autismus eher eine Art..Filtermangel innerhalb der Wahrnehmung. Eine genauere Erklärung kann auf Anfrage gern erfolgen. Wobei es eigentlich für mich keinerlei Unterschied macht, ob Autismus nun als Behinderung gilt oder nicht; Als Spasti(ker) hab ich so oder so den Behindertenstatus. Leider hat Autismus ein so breites Spektrum, das man gelegentlich in Vorurteile rutscht. Ich werde z.B. nie das Gespräch zwischen meiner Mutter und einer Ärztin der Uniklinik (!) vergessen, als ich irgendwann um die 2000er wg schwerstem Nasenbluten eingeliefert wurde:

    Mum: Nur damit sie Bescheid wissen: Mein Sohn ist Autist
    Ärztin: Wie, Autist? Aber der spricht doch.

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