Kleiner Zwischenfall

Heute hätte mich beinahe die Gedankenlosigkeit ein paar Mitreisenden, die sich sicherlich nichts schlimmes dabei gedacht haben, an den Rand meiner Handlungsfähigkeit getrieben.

Was ist passiert?

Ich bin heute mit dem Zug zurück nach Hause gefahren. 7 Stunden planmäßige Fahrt, mit schweren Gepäck und Fernverkehrszügen. In der ersten Regionalbahn lief noch alles wie gehabt. Auch als ich in den IC stieg, ahnte ich nichts böses. Im Abteil (es waren alte Wagen) saß schon ein älterer Herr auf meinem Platz, der nicht allzu gut Deutsch stand. Ich setzte mich dann einfach ihm gegenüber. Auch wenn ich bemerkte, dass er eigentlich auf meinem Platz sitzen würde. Zunächst waren wir maximal drei Personen im Abteil. Alles in Ordnung.

Dann kam die vorletzte Station, bevor ich nochmal umsteigen musste. Mit 50 Minuten Aufenthalt an einem sehr belebten Hauptbahnhof. Ich wusste, dass ab diesem Bahnhof alle anderen Plätze reserviert sein würden. Der verbleibende Platz war meine Reservierung. Es kam jedoch keiner, der Anspruch auf die Plätze erhob. Jetzt musste ich jedoch auch nach gut 3 Stunden fahrt einfach Mal auf Toilette. In dem kam plötzlich eine Familie mit drei Kindern, die ihre Plätze suchten. Wo hatten sie diese? Genau, mit in meinem Abteil. Als ich von der Toilette zurück kam, hatte man meinen Rucksack vom Sitz genommen (mit dem ich meinen Platz markiert hatte!) und der einzige freie Sitz war in der Mitte. Für mich eine Katastrophe. Man hatte mir meine Ecke weggenommen, in die ich mich hätte zurückziehen können. Jetzt hatte ich links und rechts von mir fremde Personen und konnte nirgends mehr hin. Dazu noch ein Kind, was von dem einen Schoß auf den anderen wollte. Immer wieder wurde ich angestoßen. Schnell ging ich raus. Und entschied schließlich, mein Gepäck auf dem Abteil zu holen und mich einfach auf den Gang zu setzten. Obwohl ich schließlich für einen Sitzplatz extra Geld gezahlt hatte. Doch ich wollte auch nicht, dass die Familie jetzt meine blöde Situation mit voller Wucht abbekam. Deshalb schlug ich auch die Hilfe eines Mitreisenden aus, der vorher kurz mit um Abteil gewesen war und mitbekam, dass ich irgendwie aufgebracht war. Übrigens war jedes Mal, wo ich wieder zum Abteil kam, immer ein anderer Sitz noch frei.

Ehrlich. Hätte man mir den Sitz gelassen, wo mein Rucksack stand, oder meinen reservierten Platz, wäre NIE etwas passiert. Ich dachte eigentlich ich hätte dem älteren Herrn ohne Reservierung deutlich gemacht, dass ICH in diesem Abteil noch eine Reservierung hätte. Nur entweder hatte er es nicht verstanden, oder er hat es nicht für notwendig empfunden es mitzuteilen. Oder alle dachten, es würde einfach nur um einen Platz gehen. Nicht um einen Platz mit _bestimmten_, fest definierten Eigenschaften. Ich sitze immer am Fenster, weil ich da meine Ecke habe. Weil ich da meistens Abstand zu anderen Menschen haben. Im ICE baute ich mir anschließend eine Art Festung, indem ich meinen großen Koffer in die Lücke vor dem Sitz neben mir schob. Und fühlte mich augenblicklich trotz Großraumabteil pudelwohl. Und ich kann von Glück reden, dass sich die zerstörte Routine nur in furchtbarer Aufgekraztheit geäußert hat. Ich war kurz vor einem Meltdown. Dass mein Handy nicht durch den Zug flog, habe ich aktiv im Innern verhindern müssen. Die Aggressionsschübe waren da.

Insgesamt habe ich leider auch den Eindruck, dass Bahnfahrten für mich zunehmend schwierig werden. Der neue IC2 hat nur noch Großraumabteile (mehr Leute, mehr Geräusche, mehr Reize!) und Ruheabteile (ein SEGEN in Zeiten des Großraumes, soweit sich alle an die Regeln halten) gibt es dort nur in der ersten Klasse. Liebe Deutsche Bahn, was um alles in der Welt habt ihr euch dabei eigentlich gedacht? Abgesehen davon, die neuen Sitze sind einfach unbequem im Vergleich zu denen im modernisierten IC! Mal so nebenbei bemerkt.

Das Fazit bleibt jedoch, dass das alles gar nicht hätte passieren müssen. Wenn sich schlicht einige Leute etwas enger an die bestehenden Regeln gehalten hätten und einfach die tatsächlich für sie reservierten Plätze eingenommen hätten. Dann wäre eine Autistin heute sicherlich nicht an den Rand eines Meltdowns getrieben worden. Auch wenn es sicherlich nicht böse gemeint war …

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Ein Kommentar zu „Kleiner Zwischenfall

  1. Das mit dem Nicht Böse Gemeint ist ne Falle. Du kannst da gut unterscheiden zwischen „intent“ und „impact“. Auch, wenn niemand aktiv dir schaden wollte (intent), ist es dazu gekommen, dass dir ihre Aktionen geschadet haben (impact). Der Impact, also was eine Handlung bewirkt, steht immer über dem intent (Leute behandeln ihre Kinder ja auch mit ABA mit den *besten Absichten*).

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