Fehlende Sensibilität

Ehrlich, in den letzten Tagen komme ich aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus.

Der erste Knaller war folgender Tweet

*** ist so autistisch, er schwitzt an den Knien und Schienbeinen aber nicht an den Kniekehlen. What.

Ich hätte mich da erst einmal gar nicht eingeschaltet. Solche geschmacklosen Witze findet man tagtäglich in den sozialen Netzwerken. Als die Verfasserin darauf angesprochen wurde, trat sie zunächst in ein Fettnäpfchen nach dem ersten. Bezeichnete Autismus als Krankheit und auf den Hinweis, dass es keine sei, schien die Bezeichnung auch vollkommen egal.

Der eigentliche Knaller kam aber hiermit

Ich denke ich benutze eher als viele mein Gehirn. Durch weniger Ficks geben bauen wir auch das zu Ernst nehmen vieler Themen ab. Und sorgen damit dafür, dass sowas wie Autismus mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommen kann als unnötig beschützt zu werden.

Mit anderen Worten; Wenn wir es nicht zulassen, dass man sich über uns lustig macht, können wir nicht dazu gehören. Frage ist nur; Als was gehört man dann dazu?

Ehrlich. Ich habe nichts grundsätzlich gegen Witze. Sofern sie intelligent sind und niemanden schlecht darstellen. Trifft das auf obigen Witz zu? Schon die Formulierung „*** ist so autistisch“ klingt negativ. Und stellt Autismus wieder als etwas da, was linear ist. Wobei, ach, wir reden hier ja gar nicht von der medizinischen Diagnose! Nur, welche dritte Person kann das auseinander halten, die zufällig den Ursprungstweet liest?

Ich bin dann irgendwann in die Diskussion mit rein. Zugegeben, ich hatte von Beginn an einen für mich ziemlich scharfen Ton drauf. Weil die saloppe Haltung mich ziemlich nervte. Da nahm offensichtlich jemand das Problem nicht ernst. Dazu kamen noch Wörter wie „Bussi“ und „Schätzchen“. Die haben in einer Diskussion schlicht nichts zu suchen!

Ich glaub den Großteil der Autisten juckt sowas eh nicht und man kann differenzieren

Wie sich herausstellte, sollten andere eben aufgrund dieser Annahme den Witz gefälligst hinnehmen. Egal, ob sie selbst Autisten waren, die sich an so etwas störten.

Aber was jemand aus meinen sichtbar humoristischen Tweets für ne Scheiße dreht, weil er bekloppt ist, ist nicht mein Bier.

So etwas finde ich schlicht verantwortungslos. Und es sollte nicht das einzige Mal in dieser Woche sein, in der Verfasser sämtliche Verantwortung für ihre Aussagen von sich wiesen.

Ich habe dieses Gespräch irgendwann abgebrochen. In der Folge veröffentlichte die Verfasserin trotz Blockierung verschiedene Tweets von mir, verdrehte deren Sinn und machte mich und einige andere Autisten schlicht lächerlich. Ich meine, man kann verschiedener Meinung sein. Man kann sich streiten. Man kann auch auseinander gehen, ohne sich geeinigt zu haben. Aber dann noch über die Gegenpartei her zuziehen und diese lächerlich zu machen, ist einfach niveaulos. Jetzt könnte man natürlich sagen, dass ich hier ja selbst einige Tweets zitiere. Ja, aber ohne Namen. Nicht als unzensierter Screenshot von Twitter. Ist schon ein Unterschied, oder?

Wie gesagt. Über das Thema Witze kann man sicherlich diskutieren. Es war primär das Verhalten der Gegenseite, was mich noch immer wütend macht.


Der nächste Knaller begann mit folgendem Tweet

Autisten sind die Visionäre der Zukunft. (Der umgangssorachliche Autist ofc)
[…]
Mit dem Tweet wollte ich ausdrücken, dass kreative Menschen im Internet die Zukunft für unsere Gesellschaft sind.

Na gut, ausnahmsweise was halbwegs positives. Aber fällt etwas auf? Hier sind Autisten Menschen im Internet. Verbunden mit den gängigen Klischee von Autisten als Computer-Freaks … keine gute Idee.

Ich weiß, dass „autistisch“ nicht gerade treffend ist. Aber ich finde, man sollte sowas nicht so eng sehen.

An dieser Stelle stieg ich dann mit in die Diskussion ein und versuchte zu erklären, wieso man es eben (leider!) doch enger sehen muss. Auch wenn es hier ausnahmsweise nicht negativ gemeint war. Es ändert nichts daran, dass durch solche Aussagen ein Bild von Autisten entsteht, das nicht zutreffend ist. Als man ihn darauf hinwies, kam folgende Aussage

wie schade ICH direkt Autisten. Ich hab doch nichts damit zu tun, was andere machen.

Und wieder; Verantwortungslosigkeit. Man selbst tut ja nichts böses. Was es für eine Endwirkung hat, damit hat man selbst nichts zu tun. Sehe ich leider nicht so. Es sind schlicht zu viele falsche Aussagen über Autismus, die im Netz kursieren. Da ist jede weiter schon eine zu viel. Und wir sprechen ja schon nur mit den Leuten, wo wir noch eine Chance sehen, dass sie das Problem verstehen.
Entgültig vorbei war dann die Diskussion, als der Verfasser noch einen Tweet likte, in dem eine weitere Teilnehmerin an der Diskussion ganz gezielt angegriffen wurde. Nachdem wir übrigens schon als beleidigte Leberwürste bezeichnet wurden.

Was soll man bitte dazu noch sagen?

In einer Nebendiskussion kam es dann übrigens noch zu folgenden Aussagen.

[Anderer Twitterer]
und genau da liegt ihr Fehler. „Schimpfwort“. Ne. Eben nicht. Wir benutzen das als POSITIVES WORT für Menschen die sich etwas anders benehmn

[Ich]
Es war nur ein Beispiel. Dazu kommt u.a. auch Beschränkungen auf wenige Symptome. Und wer bestimmt, ob etwas positiv ist?

[Anderer Twitterer]
Die Menschen die es in dem Fall benutzen. Man kann auch etwas übermoralisch reagieren :)))

Die Menschen, die es benutzen? Ich hätte ja gesagt; diejenigen, auf die die Bezeichnung zutrifft. So aber ist das ein ziemlich übergriffiges Verhalten, was ich in den letzten Tagen nur zu häufig erlebte. Nicht-Autisten benutzen Autismus-Begriffe außerhalb des medizinischen Begriffs, um irgendwas anderes zu beschreiben. Vielleicht sogar, um Witze zu machen. Ob das ok ist oder nicht, entscheiden aber sie selbst. Nicht etwa die Autisten. Und wenn, dann spricht EIN Autist für alle anderen. Das hatten wir die Woche dann tatsächlich auch. Aber an dem Tag hatte ich keine Lust zu diskutieren.

Abgesehen davon ändert leider auch eine positive Verwendung nichts daran, dass ein falsches Bild von Autisten entsteht. In diesem Fall möglicherweise eines, das unsere Probleme nicht mehr ernst nimmt.

Ehrlich, ich würde mir von den Menschen etwas mehr Sensibilität für die konkrete Situation der tatsächlichen Autisten wünschen. Aber wie man hier liest, lässt sich genau diese immer wieder vermissen. Was schon irgendwo ironisch ist. Einfühlungsvermögen für die Situation anderer ist doch eine Eigenschaft, die man uns Autisten generell abspricht?

 


Wer hier heute komische Meldungen vom Blog bekommen hat; Tut mir Leid! 😦 WordPress wollte den einen Screenshot als Beitragsbild nutzen. Da war ich nicht mit einverstanden, weshalb dieser Beitrag gezwungener Maßen ein paarmal on- und offline ging.

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3 Kommentare zu „Fehlende Sensibilität

  1. Hat dies auf Semilocon rebloggt und kommentierte:
    Wie ich ja schon in der Diskussion gesagt habe: Wenn ihr die Begriffe „Autist“ oder „autistisch“ als Witz oder Redewendung (?) verwendet, klingt ihr für Leute, die von dem Thema Ahnung haben, wie ein Kleinkind, das gerade ein neues Wort gelernt hat, das es noch nicht versteht und einfach vor sich hin brabbelt, ohne Sinn oder Zusammenhang. Ob man wirklich von außen so eine Wirkung erzielen wollte? Das ist jedenfalls der Eindruck, der entsteht, gerade auch, wie im Falle der einen Person dann noch eine Art kindlicher Tobsuchtsanfall folgt im Stile von „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“.

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  2. Hat dies auf Autismus – Keep calm and carry on rebloggt und kommentierte:
    Die Erwartungshaltung, dass die Kritiker Verständnis haben sollen/müssen, aber der Meme-Nutzer keine Perspektivübernahme leisten möchte; diese Kombination ist schon sehr speziell.

    Zu den „Witzen“ hatte ich hier https://autismuskeepcalmandcaryon.wordpress.com/2017/07/14/lass-uns-doch-mal-nen-witz-machen/ geschrieben.

    Ist es wirklich so schwierig zu verstehen, dass eine Fehlbenutzung der Begriffe Autismus / Autist / autistisch schadet?

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  3. Ich lese auch öfters auf Twitter, und manchmal bin ich völlig ratlos, was ein konkreter Tweet überhaupt bedeuten soll. Manchmal habe ich den Eindruck, da ist so eine Art Geheimsprache, die alle verstehen, nur ich nicht. Der in diesem Blogpost zitierte zweite Tweet ist so ein Fall:

    Wie kommt man von dem Tweet „Durch weniger Ficks geben bauen wir auch das zu Ernst nehmen vieler Themen ab. Und sorgen damit dafür, dass sowas wie Autismus mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommen kann als unnötig beschützt zu werden.“ zu der Interpretation „Wenn wir es nicht zulassen, dass man sich über uns lustig macht, können wir nicht dazu gehören.“?

    Da irritieren mich zunächst die beiden hintereinanderstehenden Verben „geben bauen“. Dabei ist „geben ab“ oder „bauen ab“ ja doch ein deutlicher Unterschied. Bei „geben ab“ stellt sich ja auch noch die Frage „An wen?“. An wem wird das Ernstnehmen vieler Themen abgegeben? Oder wieso wird es abgebaut? Und wieso aufgrund von weniger Geschlechtsverkehr? Wessen sexuelle Kontakte sind mit „Ficks“ überhaupt gemeint (Die der Verfasserin des Tweets? Die des ominösen „wir“?)?

    Was heißt „Sowas wie Autismus mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommen kann“? Wenn etwas in der Mitte der Gesellschaft ankommt, dann klingt das für mich erst mal positiv. Was in der Mitte der Gesellschaft ist, ist allgemein akzeptiert. Wieso steht das im Gegensatz zu „beschützt“? Wer oder was soll beschützt werden (Die Verfasserin des Tweets? Der Autismus? Erneut das ominöse „wir“?) und warum ist das unnötig?

    Wie ich es auch drehe und wende (RW), es ergibt alles keinen schlüssigen Sinn. Vor allem komme ich nicht auf die Deutung mit dem „lustigmachen“ und dem „dazugehören“. Und dann stehe ich hier wieder ganz ratlos und frage mich: In welcher Geheimsprache wird da in den 140 Zeichen geredet?

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