Kritik eines Beitrages

Die Tage stolperte ich auf Twitter über folgenden Artikel

https://www.andre-braselmann.de/autismus/

Nur beinhaltet dieser Artikel sehr viele Klischees und Fehler, wie ich auch dem Autor direkt auf Twitter mitteilte. Dort wurde ich dann um eine Kritik auf der Website gebeten. Nun ja, jetzt wird die Kritik aber viel zu ausführlich ausfallen. Denn wenn, dann wird sie auch vollständig. Deshalb gibt das jetzt einen Blogbeitrag, den ich später unter diesem Artikel verlinken werde [sollte das technisch möglich sein].

Der Begriff Autismus leitet sich von dem Griechischen Wort „Autos“ ab, was so viel bedeutet wie „für sich“. Dieses „für sich“ lässt sich direkt auf Autisten übertragen. Autisten leben oft in ihrer eigenen Welt, abgeschottet von anderen Personen.

An der Begriffsdefinition ist so nichts falsch. Aber bei der direkten Übertragung auf die Autisten, muss ich in der Form scharf widersprechen. Weder leben wir in einer anderen Welt, noch sind wir von anderen Personen abgeschottet. Selbst diejenigen nicht, die kaum mit ihrer Umwelt interagieren. Diese Floskel ist schlicht eine Übertreibung, die nicht sein muss.

Sie haben eine Störung bei der Wahrnehmungsverarbeitung. Sie können, trotz intakter Organe, Umweltreize nicht richtig Wahrnehmen und diese Interpretieren.

„Störung“ der Wahrnehmungsverarbeitung ist unschön formuliert, aber na gut. Aber dass wir Umweltreize „nicht richtig“ wahrnehmen? Da fragt man sich doch, was eine richtige Wahrnehmung von Umweltreizen ist? Wo doch bekannter Weise jeder Mensch seine Umwelt anders wahr nimmt. Und würde man jetzt einem Menschen mit Rot-Grün-Sehschwäche auch direkt an den Kopf hauen, seine Wahrnehmung sei falsch? Sie ist anders. Anders muss aber nicht zwingend falsch sein.

Außerdem können sie sich ihren Mitmenschen nicht verständlich machen. Wenn sie ein Problem haben, können sie ihnen nicht erklären welches es ist, sie können auch nicht ihre Gefühle ausdrücken und versetzen sich nur sehr schlecht in eine andere Person.

Dem muss ich scharf wiedersprechen. Wir haben allenfalls Probleme, uns unseren Mitmenschen verständlich zu machen. Mal mehr, Mal weniger. Bei den einen Autisten sind diese Probleme generell geringfügiger, bei anderen derart immens, dass sie von außen mit Unfähigkeit gleichgesetzt werden. Außerdem liegt das Problem auch oft bei den Mitmenschen, die den Autisten aufgrund seiner andersartigen Kommunikation eben nicht verstehen. Von daher ist das eine leider mal wieder zu einseitige Schilderung des Kommunikationsproblemes. Alles weitere ist ebenfalls zu pauschalisierend und somit falsch. Auch wenn ich manchmal selbst Probleme habe meine Gefühle zu beschreiben, weil sie sehr viel simpler zu sein scheinen als die meiner Mitmenschen; an sich kann ich sie ausdrücken. Sobald ich nicht mehr allzu sehr unter Druck stehe. Ich kann heute sagen, dass es mir schlecht geht, weil ich ständig am Overload kratze. Ich kann sagen, dass ich gleichzeitig verlegen und geschmeichelt bin bei dem, was mir ein Mann in einer E-Mail geschrieben hat. Und natürlich wieder das Empathielos-Klischee. Dazu hat Autismus – Keep calm an carry on hier neulich etwas sehr auführliches geschrieben.

Erst im Jahr 1943 erkannte der amerikanische Psychiater Leo Kanner Autismus als eigene Krankheit an.

Über den Krankheitsbegriff habe ich mich ja neulich noch ausgelassen.

Autismus unterscheidet sich hauptsächlich in 3 Formen. Zum einen das Kanner-Syndrom, zum anderen das Asperger-Syndrom und als letztes der Atypische Autismus.

Betrachtet man die hier in Deutschland verwendete Fassung der ICD, richtig. Informiert man sich jedoch weiter wird man feststellen, dass diese Unterscheidung mit der nächsten Version (ICD 11) wegfallen wird. In der DSM 5 wird nicht mehr zwischen frühkindlichen Autismus, Asperger-Syndrom und atypischen Autismus unterschieden.

Menschen mit dem Kanner-Syndrom haben Probleme mit Sozialer Einbindung.

Wenn man die sozialen Verhaltensweisen und Regeln nicht in der Art und Weise versteht wie Nicht-Autisten, ist das ja auch problematisch. Ein Spiel kann man ja auch schlecht mitspielen, wenn man die Spielregeln nicht kennt. Es ist nicht direkt falsch, aber die Ursachen für diese Probleme werden hier vernachlässigt.
Ach, und kann man nicht einfach von Autisten sprechen, statt von „Menschen mit xy-Syndrom“? Viele von uns bevorzugen eben diese direkte Bezeichnung.

Sie sprechen sehr schlecht da die Sprachentwicklung am Anfang sehr zurück hängt.

Ja, was denn nun? Wenn sie ja nur am Anfang zurückhängt, dann könnten sie doch später auch normal sprechen? In anderen Texten habe ich tatsächlich schon gelesen, dass manche frühkindliche Autisten sich später so gut entwickeln, dass sie sprachlich nicht mehr auffällig sind und als Erwachsene eher dem Bild eines Asperger-Autisten entsprechen. Mit ein Grund, weshalb die Unterscheidung der drei Formen prinzipiell nicht sinnvoll ist. Die Grenzen sind zu unscharf.

Sie sind meist unterdurchschnittlich bis normal Intelligent.

Eine unterdurschnittliche Intelligenz bedingt aber eine zusätzliche Diagnose und ist nicht im Autismus inbegriffen. Steht sogar im ICD 10 selbst. Außerdem geben viele IQ-Tests bei Autisten zu niedrige Werte an, sodass man hier generell die herrschenden Vorstellungen Mal stark hinterfragen sollte.  Am besten gibt der Raven Matrix die Intelligenz von Autisten an, doch er wird zu selten angewendet. Bei meiner eigenen Diagnostik war es der WIE. Das Ergbnis wurde von der Psychologin selbst angezweifelt, zumal ich nach einer Stunde einen Shutdown hatte. Weshalb? Es redeten Menschen auf dem Flur, während ich mathematische Textaufgaben lösen musste, die mündlich vorgetragen wurden. Andere Verweigern bei dem Druck, der in dieser Test-Situation entsteht, auch vollständig und werden dementsprechend als „dumm“ eingestuft.
Zudem sind die für nonverbale Autisten verwendeten Tests oft nicht zielführend.

Der Atypische Autismus, ähnelt sehr dem Kanner-Syndrom. Bei den Personen treten die gleichen Symptome auf. Jedoch oft erst nach dem 3. Lebensjahr und. Des Weiteren fehlt bei ihnen manchmal ein Symptom. Es kann sein das sie nicht so sehr an bestimmte Abläufe gefesselt sind.

Ich habe hier tatsächlich nochmal nachgefragt, weil mir der Vergleich mit dem frühkindlichen Autistmus an der Stelle falsch vorkam. Tatsächlich kam auf Rückfrage der Vergleich mit dem Asperger-Syndrom. So oder so, meistens wird atypischer Autismus diagnostiziert, wenn eines für die Diagnose frühkindlicher Autismus oder Asperger-Syndrom notwendige Kriterien nicht oder nicht ganz erfüllt wird. Sei es das deutlich werden NACH dem dritten Lebensjahr, oder das fehlen von Symptomen aus einem bestimmten Bereich.

Eine weiter Möglichkeit wären Hirnschäden oder eine Beschädigte Darmflora. Beide Fälle tretten bei Autisten ausergewöhnlich oft auf, konnten jedoch ebenfalls noch nicht nachgewiesen werden.

Beim Hirnschaden hätte man eine körperliche Ursache. Damit wird das daraus resulierende Verhalten nicht als Autismus diagnostiziert. Wenn doch, dann hat der Arzt einen fachlichen Fehler gemacht. Organische Ursachen sind Ausschluskriterium.
Bei der Darmflora ist es jedoch auch gut möglich, dass Ursache und Wirkung verwechselt werden. Autisten stehen oftmals permanent unter Stress, insbesondere wenn sie sich ständig anpassen müssen. Und Stress hat wiederum nachgewiesener Maßen Auwirkungen auf was? Genau, die Darmflora.

Eine weitere Möglichkeit wäre ein Hoher Testosteronspiegel im Mutterleib oder die Entfernung nach der Geburt von der Mutter. Dem Kind könnte die nähe fehlen und sich so direkt zurückziehen.

Die Vermutung mit dem zu hohen Testoteron wurde auch 12 Jahre später noch nicht bewiesen. Wenn man in Spiegel nachliest, wurde diese Vermutung auch als Erklärung herangezogen, weshalb es sehr viel weniger weibliche Autisten gebe. Wahrscheinlicher ist aber, dass weibliche Autisten sehr viel häufiger undiagnostiziert bleiben, weil das allgemeine Bild und viele Test in der Diagnostik auf männliche Autisten ausgelegt sind (hier findet sich ein englischer Artikel dazu).
Letzteres klingt nach der „Kühlschrankmutter“-Vermutung, die wiederlegt ist und zudem die Schuld auf die Eltern schiebt.
Es wird im Text zwar mehrfach betohnt, dass alles nur „Thesen“ sind und noch nichts bewiesen wurde. Aber wieso muss man dann immer noch Thesen nennen, die hoch kritisch sind?

Der Abschnitt „Früherkennung und Symptome“ ist viel zu Allgemein gehalten. Bezüglich der Früherkennung könnte man die gelisteten Kriterien einmal mit dieser Seite vergleichen. Außerdem ist Früherkennung bei Autismus aufgrund gewissen Einstellungen nicht ganz unproblematisch. Auch hier hat Autismus – Keep calm and carry on noch neulich etwas dazu geschrieben.

Die Vermeidung von Blickkontakt und ein Mangel an Mitgefühl sind ebenfalls Symptome für Autismus.

Empathielos-Klischee die zweite …

Autisten halten sehr gerne an Regeln fest, an einem geregelten Tagesablauf zum Beispiel.

Ja, weil Regeln uns Sicherheit geben in einer chaotischen und verwirrenden Welt. Wäre nett gewesen, diesen Aspekt Mal zu beleuchten.

Momentan gibt es noch keine Heilungsmöglichkeit für Autismus.
Jedoch kann er behandelt werden, dies ist vor allem nützlich wenn er früh erkannt wird. In so einen Fall sollte das Kind früh gefördert werden. Diese sollte im Alter von 2.-3. Jahren beginnen und bis zur Einschulung gehen.

Keine Heilung; Korrekt. Die Frage wäre Mal wieder, was hier denn unbedingt geheilt werden muss. Hierzu gibt es ebenfalls auf anderen Blog viele Beiträge (hier Mal nur einer, der aber wiederum auf einige andere verweist).
Bei der frühen Förderung frage ich mich jedoch, nach welcher Methode? An dieser Stelle bleibt der Text seltsam schwammig. Und nicht jede angepriesende Therapie für Autisten ist für diesen auch gut. Siehe ABA, an der viel berechtigte Kritik geübt wird.

Bei der Frühförderung wird dem Kind beigebracht mit Spielzeugen zu Spielen und die Kommunikation zwischen Erwachsenen und Kindern wird geübt.

Autsch. DAS klingt nach ABA. Mal ganz ehrlich. Welchen Sinn soll es haben einem Kind beizubringen, mit Spielzeugen zu spielen? Wenn es Spaß an anderen Dingen hat, wieso kann man es nicht dabei belassen? Wenn das autistische Kind mit Spielzeugen spielen möchte, wird es das schon tun. Ansonsten halt nicht. Wie gesagt, ich sehe den Sinn darin nicht.

So … und das sind nur die Anmerkungen, die ich allein zu diesem Text habe. Und leider sind es genau solche Texte, die unseren [alle anderen autistischen Bloggern und meinen] Bemühungen immer wieder gegenlaufen. Es mag dieses Mal nur ein Blogtext gewesen sein. Aber vielleicht Mal als Beispiel, wie viele Fehler und Klischees in einem einzelnen Text über Autismus auftauchen können. Deshalb ist es unabdingbar, dass ein JEDER GENAU recherchiert und sich informiert, bevor er/sie/was-auch-immer etwas über Autismus schreibt und veröffentlicht.

 


An dieser Stelle nochmal vielen Dank an Autismus – Keep calm and carry on, die vor der Veröffentlichung nochmal hier drübergesehen hat und die ein oder andere Ergänzung einbringen konnte 🙂

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2 Kommentare zu „Kritik eines Beitrages

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