Keine Extrawurst

Wenn es um das Thema Inklusion geht, landet man insbesondere im Bildungsbereich früher oder später beim Thema Nachteilsausgleiche. Ich schreibe hier bewusst vom Bildungsbereich, weil dieses Thema Schüler und Studenten mit Behinderungen gleichermaßen betrifft.

Ich möchte hier keineswegs über die rechtlichen Vorgaben referieren. Dazu finden sich schon bei Autismus – Keep calm and carry on. Für Studenten findet sich hier eine recht gute Auflistung. Weshalb ich dieses Thema anspreche, ist die negative Einstellung bezüglich Nachteilsausgleiche, von der ich selbst im Jahr 2017 immer wieder höre und auch selbst noch immer erfahre.

Beispielsweise meine Cousine. Sie hat gerade in NRW ihr Abitur mit 1,9 gemacht. Auf den letzten Metern drohte sie noch ein Defizit in Spanisch zu erhalten, weil sie ein benotetes Referat aufgrund eines akuten Problems mit dem Kiefergelenk (eine Craniomandibuläre Dysfunktion) nicht hat halten können. Wichtig in dem Zusammenhang ist auch, dass diese CMD durch eine generelle Überdehnbarkeit der Gelenke massiv verstärkt wurde. Wegen dieser Überdehnbarkeit hat meine Cousine beispielsweise auch ein Dauerattest für den Sportunterricht. Aussage der Spanischlehrerin und Schulleiterin dazu: „In der Oberstufe gibt es generell keine Nachteilsausgleiche!“. Es kostete mich keine 5 Minuten, um dieses Dokument zu finden mit dem Satz
„Der grundsätzliche Anspruch auf Nachteilsausgleich besteht für die betroffenen Schülerinnen und
Schüler in der Sekundarstufe II unverändert fort.“
Offensichtlich ist also das Bildungsministerium NRW da anderer Meinung.
Wie aber soll sich eine Schülerin zur Wehr setzten mit dem Wissen, dass die Schulleiterin mit in der mündlichen Abiprüfung als Prüferin sitzen wird?

Ich habe im Rahmen meines Studiums auch verschiedene Nachteilsausgleiche, die rechtlich mit einer Integrationsvereinbarung meiner Hochschule und der Prüfungsordnung abgesichert sind. Konkret werden mir bei schriftlichen Prüfungen 25% mehr Zeit gewährt, ich habe Anspruch auf einen separaten Raum und bei mündlichen Prüfungen steht mir ein nicht-benoteter Probedurchlauf zu. Das sind die Nachteilsausgleiche, die bei mir immer fest sind und bei denen ich mich immer auf den Prüfungsausschuss berufen kann, sollte ein Dozent diese verweigern.
Neulich stand dann in einem Seminar eine Gruppenarbeit mit Präsentation an. Der verantwortliche Dozent kannte sich glücklicher Weise schon etwas mit Autismus aus und so verständigten wir uns mit ihm sehr schnell darauf, dass ich von der Präsentation befreit werden würde. Nur wurde das nicht an die für das Seminar zuständigen Leute kommuniziert (wie ich hier berichtete). Dann kamen in den letzten Wochen noch Probleme mit der Gruppe hinzu. Ich konnte die Studenten meiner Gruppe kontaktieren wie ich wollte, ich erhielt über Wochen keine Reaktion. Immer mit der Drohung im Hintergrund, die Präsentation schon nächste Woche halten zu müssen. Letztendlich wendete ich mich an den zuständigen Dozenten mit der Bitte, die Gruppenarbeit für mich in eine Hausarbeit umwandeln zu lassen. Was soll ich sagen? Die Bitte wurde abgelehnt und ich einfach in die nächste Gruppe verfrachtet, mit der es bald fast dasselbe Problem gab. Und wir mussten tatsächlich innerhalb gerade Mal einer Woche die Präsentation fertig stellen. Wegen des Stresses fiel ich einen Tag vollständig aus und hatte eine ganze Woche massiv mit Reizüberlastungen zu kämpfen.
Die Begründung für die Ablehnung lautete übrigens, dass er sich keine zusätzliche Arbeit machen wollte und er Wert darauflege, dass jeder Student dasselbe leistet.

Für einen Beitrag dürften das denke ich Mal genügend Fallbeispiele sein.

Es scheint mir, als hätten wir insgesamt einfach ein riesiges Missverständnis in der Gesellschaft, was Nachteilsausgleiche überhaupt sind. Wobei das Wort selbst eigentlich schon sagt, dass bestehende Nachteile ausgeglichen werden sollen. Damit eben, wie in meinem Fall, jeder Student tatsächlich dasselbe leistet. Natürlich bedeuten Nachteilsausgleiche hier und da für die Verantwortlichen mehr Arbeit. Aber allein deshalb einen Nachteilsausgleich abzulehnen, ist schlicht eine Frechheit.

Sich hinzustellen und offen zu sagen, dass man behindert ist, ist eine Sache. Sich hinzustellen und zu sagen „Ich bin behindert.“ und „Deshalb brauche ich Nachteilsausgleiche.“, ist leider nochmal eine ganz andere Sache. In diesem Moment schwindet leider nur zu schnell die Akzeptanz des Umfeldes. Es werden schnell nur noch die „Erleichterungen“ und „Bevorteilungen“ gesehen, die man scheinbar grundlos erhalten soll. Schnell wird da von Bevorteilung gegenüber nichtbehinderter Schüler gesprochen und der Nachteilsausgleich mit solch fadenscheinigen Begründungen abgelehnt.

Was mich daran massiv ärgert ist, dass hier immer zwei Dinge vergessen werden. Erstens, andere sind nicht von vorne herein benachteiligt. Zweitens wird zu gerne vergessen oder mit Absicht ignoriert, wie viel Kraft und Aufwand für viele Behinderte hinter „normalen“ Leistungen steckt. Ist es wirklich dieselbe Leistung, wenn zwei Studenten fachlich in einer mündlichen Prüfung gleich gut sind, der eine für die nächsten Stunden entsprechend erschöpft ist, der andere aber die nächsten beiden Tage nicht auch nur daran denken kann, außer Haus zu gehen?

Was auch gerne missverstanden wird ist, dass hier die fachlichen Anforderungen aufgeweicht werden sollen. Aber was spricht nun tatsächlich dagegen, die mündliche Prüfung in eine schriftliche umzuwandeln? Oder eine schriftliche in eine mündliche? Das Fachwissen wird in beiden Fällen genauso getestet. Das Verständnis von primärer Fachliteratur ist für eine Hausarbeit genauso notwendig wie für eine Präsentation in Gruppenarbeit. Eigentlich sogar noch mehr, da der Austausch und somit die eventuelle Hilfe von Kommilitonen wegfällt. Das einzige, was all diese Formen von Nachteilsausgleichen gemeinsam haben, ist ein Mehraufwand seitens der Dozenten. Das mag zwar unangenehm sein, aber deshalb die Last auf denjenigen abwälzen, der die Nachteilsausgleiche nicht ohne Grund beantragt?

Was einem leider bei Nachteilsausgleichen auch oftmals begegnet, ist Neid. Selbst wenn man die Nachteilsausgleiche bewilligt bekommen hat lebt man oftmals mit der Angst, dass Kommilitonen von den Nachteilsausgleichen erfahren und mit diesem Wissen einem das Leben schwer machen. Weil sie glauben, dass man ihnen gegenüber bevorteilt wird. Doch auch hier liegt das Problem einfach in der mangelnden Aufklärung. Nachteilsausgleiche sind einfach nach wie vor ein Thema, worüber nicht gesprochen wird. Was eben auch viel mit der Angst der Betroffenen bezüglich der oftmals negativen Einstellung zu tun hat. Wenn wir aber nicht anfangen offen darüber zu sprechen und für dieses uns zustehende Recht einzutreten, wird sich daran leider auch nichts ändern.

Im Übrigen nehme ich manche Nachteilsausgleiche gar nicht mehr in Anspruch. Der Probedurchlauf erledigte sich in dem Moment, als ich mehrere Semester hintereinander dieselben Prüfer für mich sitzen hatte. Wo es eben geht, will ich die Dinge ohne „Sonderregelungen“ meistens. Ich bin eben kein Faulpelz, der sich zu seinem eigenen Vorteil auf Behinderungen beruft, wie so manch einer zu glauben scheint [Mal ganz abgesehen davon, dass ein solcher Gedanke es auf furchtbare Weise ignoriert, wie viele Schwierigkeiten eine Behinderung im Allgemeinen mit sich bringt]. Wo es aber nicht geht, gibt es Nachteilsausgleiche.

 

 

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12 Kommentare zu „Keine Extrawurst

  1. Bei einem Freund hieß es ja von dem einen Dozenten, trotz bewilligten NTA ‚Da könnten ja alle kommen‘ – da konnte selbst Herr R. nicht viel tun, außer einen separaten Raum aushandeln und ich glaub etwas mehr Prüfungszeit. Obwohl im NTA Hausarbeiten vereinbart wurden (außer in einen Modul, weil es da nicht geht). Ich finde es ärgerlich, wenn der Ausgleich scheitert, weil der Dozent Angst hat, dass noch andere ‚Bedürftige‘ einen einfordern könnten und er somit mehr arbeit hat.
    Laut Aussage von einer die irgendwas in Wirtschaft studiert, sind da keine Ausgleiche möglich? Soll auch so in der Prüfungsordnung stehen. Wobei ich denke, dass die Betroffene nicht über Herrn R ging, sondern das selbst regeln wollte.

    Bei mir ist das größte Problem die Vorleistungen, weil es alles Referate sind 😦 aber für die meisten Dozenten ist es mittlerweile kein Problem mehr. Ich arbeite meist einfach das Referat aus und schicke dem Dozenten meine Ausarbeitung und dann hat sich das Thema geklärt. Bei Gruppenarbeiten ist das etwas schwerer, aber auch da findet sich eine Lösung.

    Ich hoffe, falls es mit der Kunsthochschule klappt, dass sie da auch so entspannt drauf sind

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    1. Ist der Studiengang denn an besagter Uni? Dann wäre es interessant zu wissen, ob das nicht gegen die Integrationsvereinbarung verstößt. Wir haben zum Glück an unserer Uni einen rechtlich guten Stand und könnten sogar die Nachteilsausgleiche richtig einklagen. Ist nur auch nicht zu empfehlen, weil man sich darüber mit den Dozenten verscherzen würde und … naja, weiter werde ich das wohl gar nicht ausführen müssen.

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      1. Ja, er studiert an unserer Uni. Ich seh ihn die Woche noch mal und sag ihn noch mal, dass er sich an den AK wenden soll.
        Oder meinst du den Wirtschaftsbereich? ich hatte auf Arbeit mit einer gesprochen, die meinte eine Freundin hätte arge Prüfungsangst, dass sie sich sogar übergeben muss. Aber angeblich gibt es keine Möglichkeit auf Hausarbeiten umzuschwenken. Aber in wieweit das stimmt, weiß ich leider nicht – hab leider keine genauen Infos zu

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  2. Bei mir ist es auch so, dass ich immer wieder für meinen Nachteilsausgleich kämpfen muss. Einmal hatte ich einen Vortrag, der außerhalb der Öffentlichkeit stattfinden sollte; also nur mit den beiden Dozenten. Ich musste dann aber dreimal nachfragen, wieso mein Vortrag immer noch als „öffentlich“ verzeichnet ist. Am Ende war ich es, die noch Studenten aus dem Hörsaal schicken musste, was natürlich viel Energie VOR einer Präsentation kostete. Hier wurden mein Nachteilsausgleich und die mehrfachen Bitten um Änderung einfach ignoriert.

    Auch im Moment ist es wieder ein Kampf. Im Juli habe ich eine mündliche Prüfung und der Prof weiß, dass ich mehr Zeit bekomme als meine Kommilitonen, trotzdem trägt er mich mitten in der Vorlesung zu einer ganz normalen Uhrzeit ein. Also muss ich mich jetzt erneut darum kümmern und bitten, dass er mir die berechtigte Mehrzeit einräumt. Das ich in der Vorlesung, während meine Kommilitonen dabei waren, nichts sage, durfte für einen logisch denkenden Menschen doch klar sein.

    Das ganze Thema regt mich nur noch auf. Es ist ein Unding, dass man sich für seine Rechte immer wieder einsetzen und um jeden Nachteilsausgleich kämpfen muss. Und ja, auch die ständige Angst, dass die Kommilitonen etwas mitbekommen und es als Ungerechtigkeit empfinden. Dabei muss ich sogar gestehen, dass meine Kommilitonen ohne Nachteilsausgleich meist trotzdem bessere Noten haben. Also beschweren durfte sich da „eigentlich“ keiner. Es ist nur manchmal deprimierend, wenn ich doppelt und dreifach so viel Zeit in Präsentationen und Prüfungen stecke, dann aber trotzdem nie an die Leistungen meiner Mitmenschen herankomme. Ich kann dann nur immer wieder versuchen, mich nicht mit anderen Menschen zu vergleichen.

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    1. Das mit den vergessenen Nachteilsausgleichen bei der mündlichen Prüfung habe ich leider auch schon erleben dürfen 😦 Das war dann zwar „nur“ eine Unachtsamkeit des Professors, aber wenn man da sitzt und eben zwei Termine braucht statt nur einen und man das jetzt auch nicht vor allen Kommilitonen herausposaunen will, ist das trotzdem unangenehm. Und wie du schon sagst, dieser ständige Kampf kostet auch einfach unnötig Kraft.

      Was die Noten angeht … *hust* … da könnten sich die Kommilitonen bei mir tatsächlich beschweren, weil ich eine der besten des Studienganges bin ^^‘ Tun sie aber nicht, weil das immer schon in den Vorlesungen und Übungsserien deutlich wurde, auf welchem Niveau ich arbeiten kann. Deshalb habe ich auch schon ein schlechtes Gewissen gehabt, was meine Nachteilsausgleiche angeht. Aber die tatsächlichen Noten dürfen genauso wenig ein Grund für eine Ablehnung sein wie sonstige Gründe, die nichts mit dem Bedarf zu tun haben. Ich habe tatsächlich schon Mal von einem Fall gehört, wo Nachteilsausgleiche an einer Uni abgelehnt wurden, weil die Noten ja gut seien …

      Danke aber auf jeden Fall für deine ergänzenden Erfahrungen 🙂

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  3. Hat dies auf Gedankenkarrussel rebloggt und kommentierte:
    Ich hatte nur selten einen NTA, im Erststudium habe ich mangels Diagnose so irgendwie durchgekämoft. Bis zum Zusammenbruch… daher finde ich auch folgenden Satz aus dem Artikel besonders wichtig:
    „Ist es wirklich dieselbe Leistung, wenn zwei Studenten fachlich in einer mündlichen Prüfung gleich gut sind, der eine für die nächsten Stunden entsprechend erschöpft ist, der andere aber die nächsten beiden Tage nicht auch nur daran denken kann, außer Haus zu gehen?“

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  4. Ich möchte mich hier einmal aus der Perspektive einer Dozentin zu dem Thema äußern (ohne Anspruch darauf zu erheben, dass dies auf Kolleg_innen übertragbar ist): Ich habe mit NTAs sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Positiv verläuft es eigentlich immer dann, wenn sich die Student_innen frühzeitig an mich wenden, mir den NTA vorlegen und mir genau erklären, welche Bedürfnisse sie haben. Dann kann ich entsprechend reagieren und eine Lösung finden. Nur als Beispiel: Ein eigener Raum bedeutet, dass ich diesen in der Prüfungszeit organisieren muss (in dieser Zeit ist die Raumsituation meistens sehr angespannt) und natürlich eine_n Kolleg_in finden, der/die die Aufsicht übernimmt. Machbar, aber mit einer Woche Vorlauf sehr schwierig. Und damit wäre ich bei den negativen Erfahrungen: Mir ist es schon passiert, dass bei einer Klausur mit 200 Teilnehmer_innen plötzlich drei Rollstuhlfahrer_innen, z.T. mit Assistent_innen vor mir standen. Vorher gemeldet hatte sich eine Person. Eine Person, von der ich vorher nichts wusste, hatte im NTA eine erhebliche Zeitverlängerung stehen. Und ja, hier konnte ich eher schlecht als recht reagieren: Ich hatte nicht für alle gute Sitzplätze, weil der Raum fest bestuhlt war und da es eine Nachfolgeprüfung gab, wurde es mit der zusätzlichen Zeit sehr knapp. Das tut mir dann auch sehr leid und ich konnte den Ärger der Student_innen verstehen; natürlich ist es ein erheblicher Mehraufwand, neben dem ohnehin schon fordernden Studium mit Behinderung auch noch immer auf seine Bedürfnisse hinzuweisen. Auf der anderen Seite möchte ich für etwas Verständnis für die Situation der Dozent_innen werben: Ich kann mich nur auf Situationen gut vorbereiten, dir mir bekannt sind. Leider gibt es (zumindest an meiner Universität) kein System, das mich automatisch darauf hinweist, welche NTAs in meiner Prüfung vorliegen (das wäre eine wirkliche Verbesserung). Hier bin ich also auf die Initiative der Student_innen angewiesen, damit ich optimale Bedingungen schaffen kann. Sehr häufig klappt das sehr gut, manchmal aber leider auch nicht. Ich möchte damit keine der hier geschilderten Erfahrungen in Frage stellen, sondern einfach noch einmal ‚die andere Seite‘ als Perspektive anbieten. Euch allen drücke ich fest die Daumen für’s Studium!

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