Wieso ich nicht krank bin

Im Prinzip ist das hier Teil zwei zu meinem letzten Beitrag. In einer der vorrangegangen Diskussionen gab es einen Aspekt, den ich hier nochmal aufgreifen möchte.

In Laufe der Diskussion, die über mehrere Tage ging, kam es zur folgenden Aussage:

„Solange Eltern wie du ihren Kindern beibringen, dass sie ja gar nicht wirklich krank sind, legen sie ihnen nur Enttäuschungen in die Liege.“

Gemeint war damit übrigens niemals anderes als die Autorin von „Autismus – Keep calm and carry on„, Mutter von vier Autisten. Aber damit nicht genug.

„Doch ist es. Willst du mir sagen, dass eine Reizüberflutung nicht krank ist? Dass das nicht schmerzhaft ist? Du bist genauso krank wie ich.
Schwerbehindert bist du. Du willst nicht akzeptieren, dass du leidest, weil das ein Teil ist den du an dir hasst.“

Das wiederum ging an einen Autisten, der sich dagegen wehrte aufgrund des Autismus als krank bezeichnet zu werden. Und das ist tatsächlich ein Problem, was einem häufiger begegnet. Manche bestehen darauf, dass Autismus eine Krankheit ist und wir uns somit als krank zu bezeichnen haben.

Ich sehe das nicht so.

Natürlich sind wir Autisten „anders“. Ansonsten wäre wohl auch nie jemand auf die Idee gekommen, und wissenschaftlich zu beschreiben und dem ganzen überhaupt einen Begriff zu geben. Und natürlich kann diese Andersartigkeit zu Leid führen. Klar sind Reizüberflutungen die Hölle, dadurch verursachte Overloads sowieso. Das wird wohl auch kein Autist in Frage stellen. Krank bleibt dennoch für mich derselbe Begriff.

Zum einen sind all diese Eigenschaften, die uns zu Autisten machen, quasi untrennbar mit unserem Selbst verbunden. Ich empfinde es auch gar nicht all falsch, dass ich so viel höre. Oder dass ich die Mimik anderer Menschen nicht lesen kann und sie genauso gut mit Masken umherlaufen könnten. Es war schon immer so, und wird auch immer so bleiben. Eine Krankheit aber? Die kommt, und geht in der Regel auch wieder. Wie ein Schnupfen zum Beispiel.

Zudem ist es noch aus einem anderem Grund problematisch, Autisten als krank zu bezeichnen, auch wenn sie neben dem Autismus keine weitere Diagnose haben. Krank suggeriert, dass der Zustand ursächlich (!) behandelt werden muss. Abgesehen davon, dass genau das bei Autismus nicht möglich ist, weil man noch immer die Ursache nicht genau kennt; Wieso muss man uns denn so dringend behandeln? Damit wir möglichst normal wirken? Denn mehr können wir nicht, als normal zu wirken. Autismus lässt sich nicht wegtherapieren. Und damit komme ich auch direkt zum zweiten Punkt. Wenn man von Autismus als Krankheit spricht suggeriert man auch, dass eine Heilung möglich ist. Wenn nicht jetzt, dann wenigstens in Zukunft. Seltsamer Weise (Vorsicht, Ironie!) wird der Krankheitsbegriff auch gerade von den Leuten verwendet, die Autismus um jeden Preis bekämpfen wollen.

Verneinen wir mögliches Leid, wenn wir den Krankheitsbegriff ablehnen? Ich denke nicht. In der Diskussion wurde uns zwar mehrmals vorgeworfen, Autismus zu verherrlichen. Allein die Inselbegabungen herauszustellen, und alle Defizite dahinter zu verstecken. Erstens Mal ist der Aspekt der Inselbegabungen ein klassisches Klischee, wenn es um Autismus geht. Nur die wenigsten Autisten haben überhaupt eine Inselbegabung. Und dass wir nur die positiven Aspekte beschreiben, ist ebenfalls falsch. Würde ich das tun, gäbe es speziell diesen Beitrag sicherlich nicht. Oder diesen hier. Und das ist nur auf meinen eigenen Blog bezogen. Die Bloggerin Hobbithexe schreibt hier etwas sehr konkretes über durch ihren Autismus bedingte Überforderungen. Marlies Hübner hier über Meltdowns. Beide sind übrigens ebenfalls gegen die Bezeichnung von Autismus als Krankheit. Und das sind nur zwei eben schnell zusammengesammelte Beispiele.* Es gibt mehr!

Manchmal taucht auch das Argument auf, dass Autismus doch im ICD stehe. Also IST es eine Krankheit. Dazu nur folgendes. ICD steht zunächst einmal für „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme. In diesem steht unter O80 die „Spontangeburt eines Einlings“, ohne Komplikationen (das bringt Fotobus gerne auf Twitter als Argument). Ist die Geburt eines Menschen etwa auch eine Krankheit?

Abgesehen davon hängt unser Leid tatsächlich stark davon ab, wie sehr wir dazu genötigt werden unsere Bedürfnisse zu ignorieren und „nicht-autistisch“ zu tun. Denn das mit einem immensen Kraftaufwand verbunden, der dann gerne genauso ignoriert wird. Man verlangt von uns „normal“ zu sein, aber wir können es nicht. Wir können nicht plötzlich Smalltalk halten, wenn wir es täglich drei Stunden üben. Eine ABA-Therapie wird uns nicht heilen, auch wenn so einige das glauben mögen. Durch solche Dinge entsteht Leid für uns. Nicht durch unseren Autismus, sondern mit dem Umgang damit!

Es gibt übrigens auch einen Begriff zu Behinderung, der im Grunde in dieselbe Richtung geht. Zum einen kann man Behinderung medizinisch Betrachten. Dann ist die Behinderung ursächlich für die Einschränkungen des Behinderten. Es gibt aber auch den Ansatz zu sagen, dass man durch die Umwelt behindert wird. In dem ist nicht etwa der Behinderte schuld an seiner Lage, sondern die Umwelt, die sich nicht auf seine Bedürfnisse einstellt. Passt doch zu dem, was ich eben geschrieben habe. Oder? Nur muss man wohl auch erstmal zu diesem Standpunkt kommen, dass man nicht selbst das Problem ist. In einer Gesellschaft, die oftmals die Schwächsten als Problem bezeichnen und nie sich selbst? Schwierig.

So viel dazu, wieso ich mich nicht als krank bezeichnen lasse und auch selbst diesen Begriff nicht für mich selbst verwende. Außer natürlich, ich habe einen Schnupfen. Oder eine Grippe. Oder eine sonstige Krankheit … und abgesehen davon empfinde ich es als extrem übergriffig mir von einem Nicht-Autisten sagen lassen zu müssen, wie ich mich als Autist zu sehen habe. Unser Selbstbild gehört uns selbst. Da hat niemand sonst drüber zu entscheiden.

 

*Wie gesagt, schnell zusammen gesammelt! Hier sollte niemand bevorzugt oder übergangen werden. Wer mag, kann ja noch weitere Beispiele in den Kommentaren da lassen 😉

 

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2 Kommentare zu „Wieso ich nicht krank bin

  1. Als Krankheit würde ich es auch nicht sehen. Als Autist läuft man meiner Meinung nach einfach mit einem anderen Betriebssystem und ist deshalb anders. Alles was vom Normwert der Gesellschaft abweicht, wird gerne als Krankheit bezeichnet, weil es so leichter für die Masse ist. Als ich 6 Jahre alt war und bei mir Asperger-Autismus diagnostiziert wurde, hat der Psychologe gemeint, dass ich niemals richtig lesen und schreiben kann – welch ein Irrtum da ich nun zum Autor geworden bin und gerne Geschichten schreibe. Jene, die es als Krankheit bezeichnen, möchten sich nicht wirklich mit dem Thema auseinandersetzen.

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