Gymnasium: Autisten unerwünscht

Nach der Realschule ging es, ganz wie geplant, ans Gymnasium.

Mit einem entscheidenden Unterschied; Meine Mutter hatte meine Diagnose im Hintergrund nicht bekannt gegeben. An der Realschule lief es zuletzt super, die „Behelfstherapie“ (Ergotherapie) hatte ich auch schon vor längerem beendet. Sie schon unnötig geworden zu sein.

Natürlich war es so oder so eine immense Umstellung für mich. Statt Klassen gab es Kurse. Ein Klassenlehrer als ständige Ansprechperson hatte ich nicht mehr. Und die „Freunde“? Gingen entweder in eine Ausbildung oder an andere Schulen.  Ich stand also so ziemlich alleine da. In einem riesigen Gebäude. Zwar hätte ich mich auch sofort an eine Freundin aus der 12. hängen können, doch ich wollte schon allein klarkommen. Ich kann ja schon Mal ehrgeizig sein.

Das erste halbe Jahr lief dann auch soweit ganz gut. Meine Noten waren zwar nicht mehr ganz so schön, aber das war zu erwarten. In der ersten Woche hockte ich einmal heulend auf dem Flur, weil ich nicht wusste, wo der Sportunterricht stattfinden sollte. Zum Glück fand mich einer der verständnisvollsten Lehrer der Schule, der sich nicht weiter aufregte, sondern nur dafür Sorge trug, dass ich den richtigen Ort fand (es sollte sich herausstellen, dass es die Sporthalle neben dem Schwimmbad war … gut 500m von der Schule entfernt!).

Die Probleme begannen im zweiten Halbjahr. Mein Deutsch- und Englischkurs wurden von einer anderen Lehrerin übernommen. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern liebte sie Gruppenarbeiten. Ich versuchte es erst einmal wie gewohnt mit der Frage, ob ich die nicht allein bearbeiten könnte. Doch dieses Mal wurde es mir nicht erlaubt. Ich hatte mich in eine Gruppe zu fügen, sonst würde es schlechte Noten in der Mitarbeit geben. Tja, da stand ich und wusste nicht weiter. Gleichzeitig begannen groß angelegte Renovierungsarbeiten an unserer Schule. Der Betrieb lief weiter, im selben Gebäude! Die Belastung für mich stieg ins Unermessliche. Und es kam, was kommen musste; Ich geriet in einen Overload nach dem anderen. Schnell stand ich wenigstens einmal in der Woche schreiend und heulend auf dem Flur. Niemand wusste mehr, was los ist. Ich nicht, und die Lehrer ebenfalls nicht.

Schnell wandte sich die Schule mit der Frage, was denn los sei, an meine Mutter. Von mir konnte keine vernünftige Antwort kommen. Ich wusste nichts von meinem Autismus. Erst in dem gab meine Mutter meine Diagnose der Schule gegenüber bekannt. Das Lehrpersonal spaltete sich in diesem Moment in genau zwei Gruppen; Diejenigen, die mich als gestresste Schülerin sahen, der man nur etwas entgegenkommen müsste. Dazu zählte unter anderem meine Biolehrerin, bei der ich im Unterricht immer noch schaffte zu glänzen. Bei ihr durfte ich auch Mal noch fünf Minuten auf dem Flur bleiben, ohne dass es meiner Note schadete. Auch die Oberstufenkoordinatorin hielt zu mir und versuchte im Hintergrund, mir wo es ging zu helfen. Es gab aber auch diejenigen, die eine Autistin nicht am Gymnasium sehen wollten. Tatsächlich viel die Aussage, dass ich mit dieser Diagnose nicht an diese Schule gehören würde. Von wo kam diese Aussage? Von der Schulleitung selbst. Zu dieser Gruppe gesellte sich auch mein Mathelehrer, der mich einfach auf schlechten Noten versauern ließ, weil ich den bei ihn üblichen Vortrag an der Tafel nicht halten konnte. Sowie meine Sportlehrerin, die mich auch mit einem frisch aufgeschlagenen Knie noch skeptisch ansah, wenn ich nicht am Schwimmunterricht teilnehmen wollte).

Ich mag nicht gut darin sein, nonverbale Signale zu lesen. Aber dass die Lehrer teils gegen mich standen, bekam ich trotzdem mit. Der Stress wuchs. In der 12. Klasse verfiel ich zunehmend in Depressionen. Meine Noten wurden immer schlechter. Ich dachte zum Teil über Selbstmord nach. Irgendwann sagte ich von mir aus, dass es so nicht weitergehen konnte. Das ich Hilfe brauchte.

Erst ab diesem Zeitpunkt wurde es langsam besser. Mit der Unterstützung der Oberstufenkoordinatorin wurden ein paar Veränderungen geschaffen, die für mich die Schule wieder deutlich erträglicher machte. Mein Zustand stabilisierte sich in einem wahnsinnigen Tempo. Obwohl die Stimmung der Bedrohung nie wirklich weg war. Ich ertrug sie, weil ich Schülerinnen an die Seite gestellt bekam (was genau unternommen wurde, dazu werde ich nochmal einen gesonderten Beitrag schreiben).

Trotzdem kam in der 13. noch einmal ein heftiger Schlag. Die Abschlussfahrt stand an. An der Realschule war es nie ein Thema gewesen, dass ich irgendwo mitfuhr. Ich hatte sogar mehr als das „Pflichtprogramm“ absolviert. Jetzt hieß es plötzlich, ich könnte nicht mit meinem GeschichtsLK mitfahren. Man versuchte mit in einem anderen LK auf eine Fahrt nach London unterzubringen. Für war das an der Stelle noch in Ordnung. Ein Ausflug nach London war genau das gewesen, was bei meiner Abschlussfahrt in der 10. nicht zu realisieren gewesen war. Wir waren zwar in England gewesen, aber London war aus Kostengründen gestrichen worden. Dann aber hieß es plötzlich, dass auch London nicht ginge. Kein Lehrer war bereit, mich auf die Abschlussfahrt mitzunehmen. Und die Abschlussfahrt war für mich somit gestrichen. Ich blieb zu Hause.

Man sagte mir später, eine Abschlussfahrt sei ja nicht so wichtig. Jedoch hatte ich mich vorbereitet. Selbst auf die sofort verneinte Fahrt im GeschichtsLK, weil man mir einen Campingurlaub nicht zutraute. Der Fehler war jedoch, dass ich Camping kannte. Ich traute mir die Fahrt zu, doch es spielte keine Rolle. Weil alle nur meine wöchentlichen Overloads sahen wurde mir etwas verweigert, was für alle anderen Schüler selbstverständlich war. Und gerade deshalb tut es noch immer weh. Weil ich an dieser Stelle einfach aussortiert wurde, weil ich Autistin bin, und man es gar nicht erst versuchen wollte. Es wären übrigens mehrere Schülerinnen dabei gewesen, die als „Unterstützer“ fungierten. Aber auch das war unwichtig.

Letztendlich bestand ich das Abitur. Trotz aller Zweifel. Trotz aller Gegenwehr. Die stellvertretene Schulleiterin verkündete mich meine Note aus der mündlichen Prüfung (Biologie); 14 Punkte. Ihrem Ton nach hatte sie ganz üble Laune. Und allen Einschätzungen nach wird sie mir diese Note wohl kaum gegönnt haben. Pech gehabt, ich hatte absichtlich gerade das Fach als mündliches gewählt, wo ich mich mit der Lehrerin super verstand. Als ich mit den Ergebnissen der schriftlichen Prüfungen kam (im LK jeweils drei Punkte über der Vornote, im GK immer noch zwei Punkte. Damit hatte ich die Nachprüfungen punktgenau umgangen), brach sie mitten auf der Straße in Tränen aus. Weil die Zeit der gymnasialen Oberstufe für uns alle bis zuletzt ein Kampf gewesen war.

Übrigens überlege ich, eines Tages zu einem Schulfest an diese Schule zurückzukehren. Mit meinem Masterzeugnis und einer Notenübersicht in der Hand. Um beides einfach Mal den Lehrern unter die Nase halten zu können, die mich damals von der Schule haben werfen wollen. Weil eine Autistin ja nicht aufs Gymnasium gehören würde.

… und der Kampf hat sich gelohnt. Heute besucht wieder ein Autist diese Schule. Er kam direkt von der Grundschule aufs Gymnasium. Ich weiß das, weil meine Mutter immer noch einige Kontakte in die Schule hinein hat. Als man sich fragte, was man mit ihm machen sollte, meldete sich ein junger Lehrer. Sie hätten doch schon Mal einen Autisten an der Schule gehabt, der es bis zum Abschluss geschafft hat. Weil ich mich durchgeboxt habe, wird dieser Autist nicht aufgrund seiner Diagnose sofort abgewiesen. Und ich kann nur hoffen, dass er von allen Lehrern die Nachsicht erhält, die man mir damals verweigerte.

 

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6 Kommentare zu „Gymnasium: Autisten unerwünscht

  1. Hat dies auf Semilocon rebloggt und kommentierte:
    Bei mir ist die Diagnose erst lange nach der Schulzeit gestellt worden und somit konnte auf mich gar keine Rücksicht genommen werden in dem Regelgymnasium, auf dem ich war. Trotzdem Abi im Bundesdurchschnitt gemacht. Presume competence.

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  2. Danke für diesen Beitrag! Ich freue mich gerade nachträglich darüber, dass du dein Abi trotz all der Widrigkeiten geschafft hast. 🙂
    Ich habe meins leider nicht geschafft, da ich es im letzten Halbjahr der 13. schließlich gar nicht mehr zur Schule geschafft habe.
    Liebe Grüße

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  3. Ich fühle mit dir mit. Ich habe auch Autismus, habe diese Diagnose bekommen, bevor ich auf die Schule kam. Bei mir waren diese, wie du es nennst „Loadovers“ in dieser Zeit schlimmer, das blöde ist, dass ich nicht merke, wann ich zu viel Stress habe. In der ersten Zeit habe ich in während meinen „Loadovers“ nur laut die Sirene nachgemacht oder irgendwelche Kirchenlieder laut, schief und schrill gesungen, jedoch wurde ich danach ein wenig handgreiflicher(ich hab halt in dieser Zeit versucht, jeden zu schlagen, der in meine Nähe kam, und danach konnte ich mich irgendwie nicht bewegen und hatte sprichwörtlich einen Kloß im Hals. Es hat sich erst verbessert, als ich allein in einem Raum war… ). Nachdem dies immer öfter, schon fast wöchentlich passierte, habe ich dann ab Anfang der 6. Klasse eine Schulbegleitung bekommen. Und am Ende der 6. Klasse bin ich dann auf die Realschule runtergewechselt. In diesen 2 Jahren, in denen ich auf dem Gymnasium war, waren die anderen Klassenkameraden zweimal weg, beim ersten Mal durfte ich nicht mit, weil sie es mir nicht zutrauten und beim zweiten Mal, da war die Schulbegleitung krank, weshalb ich nicht mitdurfte – und dann musste ich mit ihr eine Woche allein in der Schule rumgeistern, Stricken, häkeln, Malen, etc… Ich bin froh, dass ich auf der Realschule eine andere Schulbegleitung bekommen habe, die jetzt seit ungefähr 5 Jahren habe, bzw. in einem Monat gehabt haben werde… Seitdem ich auf der Realschule bin, hatte ich in den 5 Jahren abnehmend nur noch 3-4 „Loadovers“ …(in der 6. Klasse habe ich beispielsweise einmal versucht, meinen Lehrer zu schlagen, weil ich meine Hausaufgaben nicht gemacht habe und er mich am selben Tag nachsitzen lassen wollte, ich an diesem Nachmittag jedoch etwas anderes vorhatte… ).
    Wie du siehst, mir erging es ähnlich…

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