Abgestempelt und aussortiert

Und wieder einer dieser Beiträge, die ich aufgrund von Diskussionen auf Twitter verfasse.

Die Woche über brauchen mehrmals teils heftige Diskussionen über das Thema Inklusion an deutschen Schulen aus. Auslöser dafür war zum Beispiel die Mutter eines 5-jährigen, die Inklusion körperlich beeinträchtigter Schüler für wichtig und richtig erachtete, aber sich vehement gegen die Inklusion „verhaltensauffälliger“ Schüler aussprach. Mit anderen Worten; Schulische Inklusion für physisch beeinträchtigte Kinder, aber nicht für die mit geistigen und psychischen Beeinträchtigungen oder Andersartigkeiten. Immerhin hätte ihr ein kratzender und spuckender Sitznachbar die erste Klasse gründlich versaut.

Die weitere Diskussion habe ich nur am Rand mitverfolgt. Ich hatte die Woche über schon genug mit Studium, Ämtern und Ärzten zu tun. Trotzdem möchte ich hier einfach Mal meine Gedanken zu dieser ewigen Diskussion pro und kontra Inklusion formulieren. Vor allem zu der Haltung, die einige Inklusionsgegner an den Tag legen. Vorne weg; Es wird hier teilweise sehr emotionsgeladen werden. Außerdem werde ich das Ganze als eine Art Brief an die Gegenposition verfassen.

 

An all die Inklusionsgegner da draußen,

nehmt euch bitte einen Moment Zeit und denkt einfach Mal nach.

Wieso seid ihr so dagegen, dass alle Kinder zusammen lernen können? Weil ihr glaubt, dass wir einfach nur die Schließung der Förderschulen erreichen wollen, damit die Schüler einfach nur im selben Klassenraum sitzen?

Nein. Mit gemeinsam im Klassenraum sitzen, damit ist noch nichts getan. Das ist noch keine Inklusion. Inklusion ist es, wenn auf die Stärken und Schwächen eines jeden Schülers Rücksicht genommen wird. Wenn der Schüler mit Behinderungen bei Bedarf gezielt Hilfen erhält, wie z.B. eine Schulbegleitung in Form einer Fachkraft, einer veränderten Formulierung der Aufgabenstellung, der Verfügbarkeit von Hilfsmitteln, Medizinischer Versorgung, usw. Nur versteht die Politik das nicht. Sie versucht Inklusion speziell im schulischen Bereich als reine Sparmaßnahme durchzusetzen. Die Politik ist es, die Schüler mit Behinderungen mit möglichst geringen Aufwand in die Regelschulen setzt. Das ist keine Inklusion! Und es können nur Mehrkosten entstehen, wenn die Förderschulen gleichzeitig bestehen bleiben. Stichwort; Doppelstrukturen. Wahrscheinlich will die Politik auch nur demonstrieren, dass Inklusion so nicht funktionieren kann. Natürlich nicht, weil es schlicht keine ist. Wieso werft ihr es aber uns vor, wenn die Politik es falsch umsetzt? Sollte man es nicht viel eher der Politik vorwerfen, die an Schulen doch schon lange zu gerne spart?

Wieso glaubt ihr, dass Kinder mit Behinderungen auf jeden Fall die anderen Schüler stören würden?

Merkt ihr nicht, dass ihr uns damit pauschalisiert? Es stimmt schlicht nicht. Ich für meinen Teil mag in der Grundschule noch laut und störend gewesen sein. In der ersten aber nicht lauter und störender als ein Großteil der Jungs in meiner Klasse. Später dann war ich einfach nur leise und still. Jeder Mensch ist unterschiedlich. Auch Menschen mit Behinderungen. Ich will nicht ausschließen, dass das ein oder andere Kind mit Behinderung den Klassenclown spielen wird. Aber tun andere Kinder das nicht genauso? Wieso also stören wir? Etwa weil unsere bloße Anwesenheit euch daran erinnert, dass der Mensch nicht perfekt ist? Das ist aber nun einmal die Wahrheit. Jeder Mensch hat Fehler, Schwächen. Und nur, weil man unsere als „Behinderung“ bezeichnet, sollen Kinder mit Behinderungen nicht die Chance erhalten, mit allen anderen Kindern zusammen zu lernen? Ist das fair?

Woher kommt eure Annahme, dass Kinder mit Behinderungen das Leistungsniveau der Klasse senken würden?

Behinderung und Intelligenz schließen sich nicht gegenseitig aus. Genauso wenig wie Behinderung und schulisches Leistungsvermögen. Es ist leider ein allgemeines Vorurteil, dass alle Behinderten dumm sind und nichts leisten können. Dabei sind hier die Menschen und natürlich auch die Kinder genauso vielfältig, wie alle anderen auch. Es geht auch keineswegs darum das Abitur derart aufzuweichen, dass es am Ende jeder erreichen kann. Egal, welche schulischen Leistungen er oder sie erbringt. Inklusion beinhaltet eben auch zieldifferenziertes Lernen. Davon würden übrigens alle Schüler profitieren. Und Mal ganz ehrlich; Dass schulische Abschlüsse an Haupt- und Realschulen immer wenige zählen, ist noch ein ganz anderes Problem.

Wieso regt ihr euch darüber auf, dass wir Inklusion einfordern? Wieso sagt ihr uns wir sollen zufrieden sein mit dem, was wir haben?

Es geht hier keineswegs um Privilegien. Inklusion bedeutet für Menschen mit Behinderungen auch, gleichberechtigt zu sein. Dass ihm oder ihr schlicht dieselben Chancen ermöglicht werden, die jeder andere Mensch schon hat. Uns werden die Chancen zu oft genommen, sobald eine bestimmte Diagnose gestellt, bestimmte Einschränkungen offensichtlich werden. Weil man uns in dem nur noch als defekt zu sehen scheint. Eltern behinderter Kinder wollen einzig und allein dasselbe, was andere Eltern auch wollen. Wieso gesteht ihr es ihnen nicht zu? Natürlich, weil die Kinder behindert sind. Wir selbst wollen ebenfalls einfach nur dieselben Rechte, die jeder hat. In diesem Fall; Das Recht auf Bildung. Wieso verweigert ihr uns dieses Recht? Natürlich, weil wir behindert sind. Aber können wir deswegen automatisch in allen Bereichen weniger, als andere Menschen? Nein! Zumal ist das Recht auf Bildung schlicht ein Menschenrecht. Menschenrechte gelten für jeden Menschen. Sie sind nicht verhandelbar.

Und an all diejenigen die denken; Was geht mich das an? Der Anteil der angeborenen Behinderungen beträgt sage und schreibe 4%. Alle anderen, 96%, werden im Laufe des Lebens erworben. Wenn nun fast jeder 10. Mensch in Deutschland als behindert gilt, wie viele davon sind ohne Behinderungen auf die Welt gekommen?

Ihr beschwert euch über den Ton, mit dem wir euch schnell Mal in Diskussionen gegenübertreten.

Zugegeben, der Ton ist schon verdammt scharf. Doch könntet ihr immer höflich und freundlich bleiben, wenn ihr seit Jahren auf taube Ohren stoßt? Die sachlichen Argumente über Jahre immer und immer vorgetragen werden und einfach ignoriert? Es sind ja nur Behinderte, die etwas wollen. Die kann man ja einfach ignorieren. Interessiert ja keinen. Stellt euch Mal bitte nur einen Moment vor wie das ist, ständig klein gehalten zu werden. Aufgrund etwas, wofür ihr nichts könnt. Jede Hilfe, jedes Zugeständnis muss erkämpft werden. Von uns selbst, von den Eltern von Kindern mit Behinderungen. Und dann kommt ihr um die Ecke und wollt, dass alles so bleibt wie es ist. Natürlich, ihr leidet nicht unter den aktuellen Zuständen. Ihr habt allemal Angst, dass ihr und eure Kinder gestört werden könntet. Durch unsere Anwesenheit? Tut mir leid, wir sind nun einmal da. Wir werden auch nicht einfach so verschwinden. Auch nicht dadurch, dass man uns ständig versucht wegzuschieben. Sei es in der Schule, im Beruf, im Gesellschaftlichen Leben.

Und vor allem; Es tut weh. Es tut so verdammt weh, ständig wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt zu werden. Egal, ob es um einen selbst geht oder um Kinder, die in derselben Situation stecken, in der man selbst früher war. Nochmals; Es geht hier um Menschenrechte. Die uns nicht zugebilligt werden, weil wir behindert sind. Sind wir deshalb keine Menschen?

Und zum Abschluss noch eine Anmerkung; Die Gesellschaft scheint mit immer mehr in eine Richtung zu laufen, die niemanden Gut tun wird. Es wird immer mehr und mehr einzig und allein auf Leistung geachtet. Die Schule muss schneller abgeschlossen werden, das obligatorische Studium möglichst straff durchgezogen werden. Dazu noch diverse Praktika, Auslandssemester. Gleichzeitig wird immer weniger auf den Menschen geachtet. Auf seine jeweiligen Stärken und Schwächen. Alles hat gleich zu sein. Wir sind vielleicht nur die ersten, die da aus dem Schema fallen. Am Ende wird niemand in einer solchen Gesellschaft glücklich werden können. Egal ob behindert oder nicht.

Eine autistische Masterstudentin, die Glück hatte

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4 Kommentare zu „Abgestempelt und aussortiert

  1. Ich habe das Gefühl, so lange Männer und Frauen nicht gleichberechtigt sind, wird man auch bei der Inklusion nicht voran kommen 😦

    Ich glaube auch, dass die Leute, die am Lautesten gegen Inklusion schreien, die sind, die als erstes über das Unverständnis der Leute heulen, wenn sie später im Leben durch einen Unfall oder so, selbst eine Behinderung haben

    Ich geb dir voll und ganz recht

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