Ich verstehe es nicht

Wie gesagt habe ich es schlicht satt, ständig still daneben zu sitzen und nichts zu tun, wenn es um die Aufklärung über Autismus geht. Oder auch still mit anzuschauen, wie Autismus immer und immer wieder im falschen Kontext verwendet wird. Wer darüber etwas mehr lesen will, findet hier eine sehr schöne Auflistung von weiterführenden Artikeln.

Seit einiger Zeit bin ich auf Twitter aktiv. Länger, als dieser Blog hier existiert. Und kurz bevor dieser Blog entstand, habe ich meinen vormals geschützten Account auf Twitter öffentlich gemacht. Damit ich eben mitreden kann und nicht nur das Handvoll Follower meine Meinung einsehen kann.

In den ganzen Monaten habe ich immer wieder eine Verhaltensweise beobachtet; Auf Twitter verwendete einmal mehr jemand den Begriff „Autismus“ falsch. Meistens ging es schlicht um Ignoranz, falsche soziale Verhaltensweisen, Überheblichkeit … die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Derjenige wurde dann auf die falsche Verwendung hingewiesen. Jetzt möchte man eigentlich erwarten, dass der Verfasser den Fehler einsieht und sich entschuldigt. Weit gefehlt!

Tatsächlich war ich heute (zum zweiten Mal) selbst an einer solchen Aktion beteiligt. Ganz sachlich gab ich den Hinweis, dass die Betitelung von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen mit einer medizinischen Diagnose denjenigen schadet, die diese Diagnose tatsächlich haben. Genauer gesagt dadurch, dass man die Diagnose in der Folge immer negativ belegt, womit auch diagnostizierte durch die Allgemeinheit immer negativ gesehen werden. Das ist nicht gerade förderlich wenn man darum kämpft, nicht nur all „vollkommen beschränkter Sonderling“ gesehen zu werden oder auch schlicht um die Akzeptanz der Problematik. Was passierte? Da ich nicht allein gegen diese Formulierung vorging, wurde ich einfach Mal gesperrt (nicht vom Verfasser, sondern von einem Bekannten, der die Formulierung zu verteidigen versuchte). Einzig und allein für einen sachlichen Hinweis!

Dieses Mal kam es aber noch „besser“. Der eigentliche Verfasser stellte sich zudem noch selbst als Asperger-Autist heraus! Wir hatten hier also plötzlich jemanden aus den eigenen Reihen, der den Begriff missbräuchlich verwendete. Das mag vorkommen können, wenn die Autisten selbst diese negative Verwendung gewohnt sind. Aber anstatt den Fehler einzusehen, wurden die anderen Autisten angegriffen. An dieser Stelle hört mein Verständnis auf. Ich verstehe nicht, wie man den Begriff selbst so negativ verwenden kann. Insbesondere als selbst Betroffener, der sich nicht als behindert bezeichnet wissen will und von einer diagnostizierten „Spezialisierung“ spricht. Wie soll das zusammenpassen? Letztendlich entbrannte ein heftiger Streit zwischen dem Verfasser und anderen Autisten. Weiter darauf eingehen werde ich darauf hier nicht.

Wie schon gesagt, ich verstehe es schlicht nicht. Wir müssen so viel kämpfen. Unsere Diagnose wird als Metapher für allerlei Fehlverhalten missbraucht. Sogar als Schimpfwort verwendet man es. Ohne, dass es gesellschaftlich die Ächtung erfährt, die es erfahren sollte. Aber selbst wenn man sich zu Wort meldet, wird man weiter beschimpft oder das Problem klein geredet. Man verteidigt sich nur, und wird selbst als Aggressor dargestellt. Wie gesagt, ich verstehe es nicht.

Und deshalb zum Abschluss eine bitte; Passt auf, wen oder was ihr als autistisch bezeichnet und wobei ihr den Begriff verwendet! Alles abseits von Diagnose und tatsächlich betroffenen Autisten ist schlicht und ergreifen falsch und schadet uns! Und wenn ihr euch traut, sprecht die Menschen auf die falsche Verwendung an! Auch wenn sie es wohl selten einsehen werden. Doch das kann kein Grund sein, es einfach stillschweigend zu akzeptieren.

 

Anmerkung; Während ich das hier schreibe, geht die Auseinandersetzung auf Twitter weiter …

Aktualisierung: Um fair zu bleiben; Zumindest der Bekannte hat es letztendlich eingesehen, dass etwas falsch gelaufen ist und möchte in Zukunft darauf achten, den Begriff im richtigen Kontext zu verwenden. Also zumindest heute ein zum Teil positiver Ausgang 🙂

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3 Kommentare zu „Ich verstehe es nicht

  1. „Ich verstehe nicht, wie man den Begriff selbst so negativ verwenden kann. Insbesondere als selbst Betroffener, der sich nicht als behindert bezeichnet wissen will und von einer diagnostizierten „Spezialisierung“ spricht. “

    Nennt man auch ‚internalisierter Ableismus‘ oder internalisierte Behindertenfeindlichkeit.
    In dem Moment, in dem man den Begriff ’selbstironisch‘ verwendet, wird man von der Mehrheit akzeptiert, ist nicht der ‚Spielverderber‘ der andere wegen ihrer behindertenfeindlichen Sprache kritisiert und ihnen den Spaß am Rumtrampeln auf Menschen mit Behinderungen vermiest. Und man ist im festen Glauben daran aufgewachsen, dass eine Behinderung zu haben nun mal schlecht ist und man unvollkommen und daher quasi alle schlechte, das einem andere Menschen antun, verdient hat.

    Natürlich tut das dem Ego ganz und gar nicht gut. Also bezeichnet man sich lieber nicht als behindert, sondern sucht Umschreibungen wie ‚Spezialisierung‘. Damit kommt man auch den Leuten zuvor, die behaupten, man ruhe sich auf der Behinderung nur aus und würde gar nicht ordentlich dagegen ankämpfen – was gesellschaftlich immer noch erwartet wird. Es ist ein ’seht her, ich bin nicht behindert, ich strenge mich an, es ist nur eine ‚Spezialisierung‘.

    Ich hoffe, das ist verständlich. Diese Internalisierungen und die Art sich das Selbstbewusstsein in einer behindertenfeindlichen Welt zu bewahren, sind vielschichtig.

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